Donnerstag, 5. Juni 2014

"Stockholm ist keine Stadt" von Bonnyb Bendix

Stockholm ist keine StadtWarum?

Warum? Das ist die Frage, die ich mir beim Lesen dieses Buches immer wieder gestellt habe.
Warum tut ein Mensch das einem andern Menschen an? Warum handelt, warum empfindet, warum schlägt, warum liebt der eine den anderen? Warum habe ich das Buch überhaupt gelesen???

"Stockholm ist keine Stadt" ist kein schönes Buch. Es ist grausam, unbequem, manchmal sperrig erzählt und aus vielen Gründen schwer zu lesen. Und doch: Ich konnte es nicht eine Sekunde aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch verschlungen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie sich die Story entwickelt und wie sie endet.
Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Die Geschichte von Jamie ist berührend, aber nicht auf die rührselige Art. Sie geht tief unter die Haut, setzt sich fest, nagt an einem und lässt einen nicht mehr los.

Warum ist Jamie in diese Situation geraten und warum reagiert er so und nicht anders darauf?

Bonnyb Bendix lässt Jamie aus der Ich-Perspektive erzählen und doch ist das, was er sagt, manchmal seltsam distanziert, so als würde er über etwas reden, dass gar nicht ihm selber passiert ist oder aber schon vor sehr, sehr langer Zeit. Das ist vielleicht gut so. Das Buch ist auch so furchtbar aufwühlend, so dass noch mehr Nähe nicht zu ertragen wäre.
Die Geschichte ist weder schön noch logisch. Aber sie beschäftigt sich auch mit einer vom Verstand her unfassbaren Thematik. Jamie merkt, dass er seinem Entführer verfällt, den er eigentlich hassen sollte. Warum nur hat der eine solche Macht über ihn? Intellektuell weiß er, was das Stockholm-Syndrom ist. Aber das hilft ihm kein Stück dabei, mit seinen widersprüchlichen Gefühlen klar zu kommen.

Jamie, aber auch David und Marek müssen damit fertig werden, dass es im Leben nicht auf jedes "Warum?" eine Antwort gibt und dass Menschen eben nicht immer schön und logisch handeln. Das muss auch der Leser von "Stockholm ist keine Stadt" akzeptieren. Die Geschichte ist fiktiv, aber wie im richtigen Leben reagieren Menschen nicht immer so, wie man es erwarten könnte und nicht alles nimmt ein gutes Ende.

Warum sollte man das Buch eigentlich lesen?
Ich persönlich lese normalerweise zur Entspannung und wünsche mir Charaktere die ich mag, mit denen ich leiden und lieben kann. Ich verliere mich in den Büchern. Aber "Stockholm" hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Auch hier war ich verloren. Ich denke immer noch darüber nach, diskutiere innerlich mit mir selber und offen mit anderen. Macht das nicht auch ein gutes Buch aus?
Wer eine "schöne" erotische Romanze erwartet, wird enttäuscht werden. Wer sich aber einem sehr schwierigen Thema in Form einer gut geschriebenen Geschichte nähern will, ist genau richtig.

Bonnyb Bendix schafft es klar zu machen, was richtig und was falsch ist, ohne zu werten. Und warum ein Mensch ein bestimmtes Gefühl entwickelt, darüber sollte sich sowieso niemand ein Urteil erlauben. In dem Buch geht es aber auch darum, über sich hinaus zu wachsen und Verantwortung zu übernehmen. Das hat hier übrigens nichts mit der Verantwortung vor dem Gesetz zu tun, sondern damit, ob und wie man mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Handlungen fertig wird.

Fünf Sterne bedeuten normalerweise "Gefällt mir sehr!". Das trifft es hier nicht. Die Geschichte ist mir dazu zu grausam und zu unbequem. Aber warum sollte ich die fünf Sterne nicht einmal dafür geben, dass mich ein Buch tief getroffen und nachdenklich gemacht hat. Warum eigentlich nicht?
Leseempfehlung? Ja! Aber auf keinen Fall für Leute mit schwachen Nerven.


Bildquelle: amazon

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