Samstag, 6. September 2014

"Pfade im Nebel" von Nalini Singh

Pfade im NebelMelancholisch, berührend, zärtlich … einfach wundervoll!

Der Pfeilgardist Vasic sieht sich selbst nicht schon lange nicht mehr als Menschen. Der mechanische Arm, den er trägt, hat damit weniger zu tun, als seine völlig abgetöteten Emotionen. Er atmet zwar, aber er funktioniert wie eine Maschine. Er lebt nicht, er überlebt nur.
Vasic ist sich darüber im Klaren, worauf er zusteuert: einen Totalausfall. Er ist nicht wütend das, was dann geschehen wird: Defekte Maschinen werden ausgemustert, wenn sich eine Reparatur nicht lohnt. Kein Problem für Vasik. Sein Silentium ist von frühester Jugend an mit gnadenloser Härte in ihn hinein trainiert worden. Nur so konnte er all die schrecklichen Dinge ausführen und überleben, die sein Dienst in der Garde von ihm gefordert haben.
Aber dann passiert etwas, was mit dem er nicht gerechnet hat: Er trifft Ivy ...

Ivy Jane ist eines der kleinen, schmutzigen Geheimnisse des Medialnets: Sie ist eine Emphatin, eine sogenannte E. Am Beginn von Siletium versuchte man gnadenlos, diese Kategorie auszurotten, aber dann zeigte sich, dass die Rasse der Medialen ohne die E's nicht überleben kann. Also wurden sie unter strengen Auflagen am Leben gelassen, ihre Fähigkeiten allerdings wurden grausam unterdrückt. Niemand durfte erfahren, warum einige Mediale ihr Silentium unwillkürlich immer wieder brachen. Für fast alle war Rehabilitation die Folge und auch Ivy hat dies einmal erlebt. Es hat sie fast umgebracht.

Nun hat aber im Medialnet eine totale Machtverschiebung stattgefunden. Kaleb Krychek ist Alleinherrscher. Für die Medialen überraschend und ungewohnt erlaubt er es, Probleme offen zu diskutieren.
Auch das Nachdenken, wozu die E's da sein könnten, ist plötzlich erlaubt. Nicht nur er kommt auf den Gedanken, dass sie möglicherweise den schleichenden Verfall des Pys-Net verlangsamen und die furchtbaren Gewaltausbrüche eindämmen könnten.

Also bildet er eine experimentelle Einheit aus E's und Pfeilgardisten. Letztere sollen die Emphaten gleichzeitig schützen und überwachen, da es keinerlei Erfahrungen oder Aufzeichnungen zu ihrer Kategorie gibt.
Aden bestimmt, dass Vasic die Pfeilgardisten anführen soll. Er hofft, dass sein Freund durch die neue Aufgabe ein wenig von seiner Hoffnunglosigkeit verliert.
Also findet sich Vasic unversehens in einem winterlich kalten Obstgarten wieder und trifft dort eine Frau, die zum ersten Mal in seinem Leben seine Gefühle erwachen lässt. Zuerst hat er noch keinen Namen, für das, was da geschieht, aber Vasic ist nicht dumm. Kühl analysiert er seine körperlichen und psychischen Reaktionen und wird sich langsam bewusst, dass er sein Leben zu früh in einem anderen riskanten Experiment weggeworfen hat. Während seine Zeit ihm wie Sand durch die Finger rinnt, beginnt er zu verstehen, was Liebe sein könnte.

Ivy war niemals perfekt im Sinne von Silentium, auch wenn sie nicht ahnt, warum dass so ist. Als sie Vasic zum ersten Mal in seiner Pfeilgardisten-Uniform vor sich stehen sieht, glaubt sie, man hätte dies endgültig erkannt und sie für eine weitere Rehabilitation vorgesehen. Lieber will sie sterben. Aber dann begreift sie, dass die Zukunft begonnen hat, und niemand mehr wegen seiner Gefühle verfolgt wird. Die Erkenntnis, dass sie eine E ist, stellt eine Offenbarung für sie dar. Und der kühle, beherrschte Pfeilgardist, der auf sie aufpassen soll, weckt tief in ihr etwas, dass eine Psy eigentlich nicht fühlen darf ...

Zuerst habe ich gedacht: OK! Das kennst du! Schließlich ist auch Sascha aus dem ersten Band der Serie eine E, die sich ihren Gefühlen stellen muss. Und mit Judd und Kaleb haben zwei wirklich eiskalte Männer gezeigt, wie viel Feuer sie im Herzen tragen können. Aber Nalini Singh hat hier (wieder einmal!) ganz besondere Helden erschaffen, die, wie im richtigen Leben, trotz eines ähnlichen Schicksals eigene Entscheidungen treffen, weil sie wirklich einen eigenen Charakter haben.

Sascha in "Leopardenblut" wollte ihre Gefühle gerne zulassen, lebte aber in der scheinbaren Gewissheit, dass dies ihren Tod bedeuten würde.
Judd war zwar auch Pfeilgardist, hatte aber immer die enge Bindung zu seiner Familie und dann mit Brenna eine Partnerin an seiner Seite, die wusste, dass Gefühle etwas Positives sind.
Kaleb zeigte sich zwar äußerlich ein Leben lang eiskalt, vibrierte aber innerlich vor Zorn darüber, was ihm und Sahara angetan wurde.

Ivy hat, im Gegensatz zu Sascha, klar vor Augen, dass ein Leben mit Gefühlen lebenswert und möglich (!) ist. Sie konnte sich immer auf ihre Familie stützen und kennt natürlich auch Saschas Geschichte.
Vasic dagegen ist wirklich, bis auf die aus gemeinsamem Schmerz geborene Beziehung zu Aden, von frühester Kindheit an alleine gewesen. Er glaubte nie daran, eine Zukunft zu haben oder auch nur eine zu verdienen. Wenn er auf seine Hände schaut, sieht er nur das Blut, dass er vergossen hat, auch wenn das in dem guten Glauben geschah, für eine höhere Sache zu kämpfen.

Ich habe niemals gedacht, dass ausgerechnet Vasics Geschichte so voller bittersüßer Zärtlichkeit sein könnte! Seine totale Hoffnungslosigkeit, der Glaube, dass er rein gar nichts mehr zu verlieren hat, öffnen ihn auf überraschenderweise für seine Gefühle. Er ist doch sowieso verloren, oder? Was soll also noch geschehen?
Sein starker Beschützerinstinkt, den auch die grausame Ausbildung nicht auslöschen konnte, warnt ihn aber davor, sich wirklich an Ivy zu binden. Er glaubt ja, so gut wie tot zu sein und will die Frau, die sein Herz erobert hat, vor dem Schmerz des Verlustes bewahren.

Gut, dass E's so stur sind. Da bildet auch Ivy keine Ausnahme.

Das Buch ist mir (wieder einmal) total unter die Haut gegangen. Vasic kämpft scheinbar auf verlorenem Posten und Ivy will dies einfach nicht wahrhaben. Wo Kaleb's Geschichte vibrierte vor Zorn, da berührt Vasic 's auf einer ganz anderen Ebene. Winzige, federleichte Berührungen zwischen ihm und Ivy sind so wunderbar geschildert, dass sie mitten ins Herz treffen. Es gibt Szenen, in denen der scheinbar so eiskalte Mann, der von sich selber sagt: "Der Tag, an dem ich fühle, ist der Tag an dem ich sterbe!" durch kleine, und doch so bedeutsame Gesten zeigt, dass sein Herz eben nicht nur ein Muskel ist.

Auch wenn Nalini Singh mit mittlerweile bekannten Motiven arbeitet, stellt sich auch nach 13 Bänden in der Serie stellt sich keinerlei Ermüdung ein. Im Gegenteil! "Pfade im Nebel" ist schon wieder ein Highlight in der ohnehin grandiosen Reihe.

Fazit:

Leseempfehlung? Welche Frage!!! Natürlich unbedingt lesen!!!

Bewertung? Keine Ahnung! Wenn 5 Punkte bedeutet "Gefällt mir sehr!", muss ich erheblich mehr geben. Das Buch ist wunderbar, zärtlich, spannend, erotisch, berührend, mitreißend, einzigartig, ... Kurz gesagt: Für mich sprengt es die Bewertungsskala bei Weitem.

P.S.1: Für Neueinsteiger: Ich habe lange überlegt, ob dieses Buch evtl. für Neueinsteiger geeignet ist, da es das erste ist, dass nach dem "großen Knall“ spielt. Ich denke aber, dass viele interessante Nebenstränge und Bemerkungen fast unverständlich sind, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt. Darunter leidet weniger das Verständnis dieses Buches, als dass einem eine riesiger Teil des möglichen "Gesamtgenusses" entgeht. Man sollte sich von der Anzahl der Bücher nicht abschrecken lassen! Die Serie macht einfach süchtig und ist wunderschön zu lesen. Bei Nalini Singh gibt es übrigens keine Zufälle! Scheinbar belanglose Randbemerkungen aus den ersten Bänden werden wieder aufgegriffen, Nebenpersonen erhalten ihre eigenen Geschichten und mit kleinen Szenen bleiben auch die Helden aus den ersten Bänden wirklich lebendig.

P.S. 2: Für Fans: Natürlich wird auch hier die spannende Rahmenhandlung weiter voran getrieben. Man trifft, einige der liebgewonnen Charaktere aus den vorangegangenen Bänden. Mein persönlicher Favorit Judd hat einige sehr starke Szenen, aber auch von Kaleb und Sahara erfährt man eine Menge. Besonders schön ist es dabei mit zu erleben, wie die Beiden als Paar funktionieren, nachdem nun allmählich der Alltag einkehrt, und wie Kaleb mit seiner neuen All-Macht über das Medialnet umgeht.

P.S. 3: Für die Hard-Core-Fans: Ich habe das Buch schon auf Englisch gelesen, die deutsche Übersetzung aber wie immer sehnsüchtig erwartet. Das ich wieder restlos begeistert bin brauche ich nach der Rezi wohl nicht extra zu betonen. Ich hatte aber diesmal ein wenig Sorge, weil statt Nora Lachmann, die die wunderbare Sprache der Autorin in meinen Augen immer genau getroffen hat, nun mit Patricia Woitynek eine neue Übersetzerin verantwortlich ist. Die Ausdrucksweise hat sich meiner Meinung nach auch etwas verändert. Sie ist schon ein wenig anders geworden aber, man gewöhnt sich daran.
Beim allerersten Satz habe ich allerdings dann doch gezuckt: Niemand (!!!) hatte je die "Wahl“, Pfeilgardist zu werden. Diese Entscheidung haben andere getroffen und mit unnachgiebiger Härte von diesen durchgesetzt. Tatsächlich hat der Satz in der Originalausgabe eine etwas andere Aussage. Diese Feinheiten fallen einem auf, wenn man die gesamte Serie in- und auswendig kennt, hätten aber eigentlich auch schon nach dem Lesen gerade dieses Buches klar sein können.

Es gibt mindestens zwei weitere sachliche Fehler, bei denen ich mich etwas geärgert habe. Das tut aber dem Gesamtgenuss keinen Abbruch. Das Buch ist einfach wahnsinnig gut. und macht Lust auf mehr. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, wie die Geschichte weiter geht und wer wohl der Held / die Heldin des nächsten Buches sein wird.

Bildquelle: amazon

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen