Donnerstag, 20. November 2014

"3517 Anno Domini: Wir waren Götter" von Raik Thorstad



Wuchtiges Epos

Ragnar ist der einzige Sohn eines gottgleichen Herrschers. Sein Leben ist voller Luxus und voller Langeweile, weil sein Vater ihn von allen Staatsangelegenheiten fern hält, obwohl er doch der Thronfolger ist.
Dann bekommt er einen sogenannten „Lustdiener“ geschenkt. Die sind selten und kostbar, weil sie kerngesund sein müssen und mühsam modifiziert werden, um ihre Lebensspanne der ihrer Besitzer anzugleichen. Ragnar freut sich unglaublich darauf, einen „eigenen“ Mann zu besitzen, der ihm Gesellschaft leistet und außerdem für seine Befriedigung zuständig ist. Sex mit Fremden ist nämlich wegen der überall kursierenden Seuchen ein unkalkulierbares Risiko.
Aber Aiden reagiert ganz anders, als Ragnar es erwartet hat. So sehr er den Luxus und die medizinische Versorgung auch zu schätzen weiß, die mit seinem neuen Status einhergehen, so kann er doch nicht vergessen, dass er nun ein Sklave ist, ein Spielzeug, dass sich allen Launen seines Herren zu unterwerfen hat. Man kann ihn mit Hilfe eines Chip in seinem Gehirn manipulieren und Ragnar hat die Fernbedienung. Aiden hasst den Gedanken, dass er sich selbst und seinen Gefühlen nicht mehr trauen kann.
Ist die Faszination, die der für Ragnar empfindet echt oder nur eine chemische Reaktion, die künstlich erzeugt wurde?

3517 Anno Domini: Wir waren Götter“ von Raik Thorstad ist ein breit angelegtes Epos, das anhand der Beziehung der beiden Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch auch überraschend viele Gemeinsamkeiten haben, eine spannende Geschichte erzählt, die weit über eine einfache Love-Story hinausgeht.
1500 Jahre in der Zukunft hat der Mensch seine Umwelt fast völlig zerstört. Die Schere zwischen reich und arm klafft weiter auseinander als je zuvor und alle „Errungenschaften“ der der Zivilisation stehen eigentlich nur einer winzigen Gruppe von Privilegierten zur Verfügung. Voller Gier wollen diese allerdings immer mehr und mehr …
Demokratie ist längst Geschichte. Aber die einfachen Menschen haben nicht ganz vergessen, dass es einmal anders war. Ihre Sehnsucht nach Freiheit lässt sie Risiken auf sich nehmen, die sie das Leben kosten oder aber ein neues Leben ermöglichen könnten. Längst gibt es einen geheimen Widerstand gegen die gottgleichen Herrscher der Stadt.

„3517“ ist eine der besten Dystopien, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Die Gesellschaftssysteme, die politischen Gegebenheiten und der naturwissenschaftliche Background sind ausnahmslos in sich logisch und schlüssig dargelegt. Als Leser taucht man ein in eine fremde, menschenfeindliche Welt und ist völlig fasziniert. Die düsteren Bilder der feuchten Quartiere der sogenannten Unterwelt brennen sich ebenso ein, wie das Entsetzen über die absolute Gewissenlosigkeit des gottgleichen Herrschers Takir. Besonders spannend finde ich, dass Takir nicht einmal von Grund auf „böse“ ist. Aber er verfügt über unendlichen Reichtum und unendliche Macht, ohne dass ihn jemand Grenzen setzt. Er wird sozusagen von sich selber korrumpiert.
Auch wenn das Hauptaugenmerk der Story auf der Beziehung zwischen Aiden und Ragnar liegt, so ist es doch mindestens genauso spannend zu lesen, welche Auswirkungen Umweltzerstörung, Machtkonzentration und fehlende Kontrolle auf ein politisches System haben könnten.
Das Szenario ist furchterregend!
Zum Glück beinhaltete das Buch auch einen kleinen Funken bittersüßer Hoffnung, die für mich in jede wirklich gute Geschichte gehört.

Fazit: Ich würde am liebsten noch seitenweise schwärmen. Aber erstens wächst damit die Gefahr von Spoilern und zweitens stehle ich so den Lesern die Zeit, selbst in dieses wuchtige Epos voller Intrigen und Geheimnisse, voller Machtspiele und Verlangen, einzutauchen und die spannende Geschichte zu genießen.
Das Buch erhält von mir auf jeden Fall 5 Punkte und eine begeisterte Leseempfehlung.

P.S.: "3517" ist wirklich in sich abgeschlossen. Aber falls es jemals eine Fortsetzung geben sollte, so bin ich wieder dabei. Ich würde furchtbar gerne erfahren, was aus der Festungsstadt wird und wie es in … (das verrate ich hier nicht!) weiter geht. Auch nach fast 600 Seiten habe ich noch lange nicht genug von Ragnar, Aiden und der Welt in der sie leben!

Bildquelle: amazon

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