Sonntag, 23. November 2014

"Du weißt es nur noch nicht" von T.A.Wegberg


"Der Tag an dem ich meine Familie zu zerstören begann, war ein Mittwoch“

So lautet der erste Satz einer sehr ungewöhnlichen Geschichte, die sich jeder Kategorie entzieht, schwer zu beschreiben, doch unheimlich spannend zu lesen ist.

Ich habe eine Romanze erwartet, weil das Buch in einer Vorschlagsliste zwischen anderen genau dieses Genres aufgeführt war. Es beinhaltet zwar auch eine Liebesgeschichte, das Kernthema ist aber eigentlich ein anderes.
Jesper wird mit Vierzehn von Entführern brutal aus seinem gewohnten Leben gerissen und für vier Wochen gefangen gehalten. Er wird, bis auf einige wenige Übergriffe, nicht körperlich misshandelt, aber das Kidnapping und die Zeit, die er völlig isoliert in einem Raum verbringt, hinterlassen tiefe Spuren. Irgendwann darf Jesper gehen, aber er ist niemals wieder frei.
Die Entführung und deren Folgen lassen ihn nie mehr los. Auch noch zehn Jahre später bestimmt das erlittene Trauma sein Leben. Er hat eine Angststörung entwickelt, die es ihm fast unmöglich macht, seinen Alltag zu bewältigen. Selbst Einkaufen oder Arztbesuche sind eine grausame Prüfung. Soziale Kontakte hat er überhaupt keine, weil er einfach nicht mehr weiß, wie er auf einen Menschen zugehen soll oder auch nur, wie er normale Reaktionen werten soll. Panikattacken und Flash-Backs überfallen ihn immer wieder.
Als es plötzlich an seiner Tür schellt, kann er nicht ahnen, dass sich sein Leben grundlegend ändern wird. Seine neuen Nachbarn stellen sich vor und reißen ihn aus seiner einsamen Routine heraus. Nicolai und Lydia nehmen ihn, wie er ist, beziehen ihn in ihr Leben mit ein und scheinen ihn wirklich zu mögen. Jesper schöpft Hoffnung.
Doch immer wieder geschehen kleine, irritierende Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Kann er Nicolai und Lydia wirklich trauen?

Die Geschichte von Jesper hat mich von der ersten Seite an völlig in ihren Bann gezogen. Aus der Ich-Perspektive heraus schildert er abwechselnd, was ihm als Kind passiert ist und wie sich sein Leben im Heute abspielt. Jesper erzählt erstaunlich gelassen und die Ereignisse rund um seine Entführung mit dem Abstand, den zehn Jahre mit sich bringen. Aber vielleicht gerade deshalb gehen seine Worte tief unter die Haut. Er wirkt an keiner Stelle unglaubwürdig, lächerlich oder um Mitleid heischend, ganz so, als wolle er es dem Leser selbst überlassen, sich ein Bild zu machen. Seinem eigenen Urteil traut Jesper schon lange nicht mehr und ist immer völlig überrascht, wenn ihn jemand erst nimmt oder sogar sympathisch findet.
So entwickelt sich nach und nach das Bild eines jungen Mannes, der unverschuldet in einen dunklen Abgrund gefallen ist und aus eigener Kraft einfach nicht mehr daraus hervor kommt. An keiner Stelle wirken Jespers Ängste oder sein zwanghaftes Verhalten für den Leser befremdlich. Man wünscht dem jungen Mann einfach nur, dass er ein wenig Glück findet.
Ich konnte mich keine Sekunde von dem Buch lösen, bis ich erfahren habe, ob und wie er es schafft, sich aus den Schatten seiner Vergangenheit zu lösen. Eine echte Romanze ist das Buch nicht. Vielleicht kann man es als eine Mischung aus Liebesgeschichte, Drama und spannendem Pyscho-Thriller beschreiben.

Fazit: Von mir erhält "Du weißt es nur noch nicht" mindestens 5 Punkte und eine Leseempfehlung.

Das war meine erste Geschichte von T.A. Wegberg. Seine Veröffentlichungen fallen eigentlich nicht in mein Beuteschema, wenn ich mir die Klappentexte so anschaue. Allerdings hat mich die sensible und doch angenehm sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Sozialphobie“ so fasziniert, dass ich wohl auch die andern Bücher nach und nach lesen werde. Daraus eine spannende Geschichte mit sympathischen Helden zu machen, empfinde ich als echte Meisterleistung. Respekt!


Bildquelle: amazon

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