Mittwoch, 12. November 2014

"Pips Anatomie" von Cosima Thomas



Angst, Zorn und Zärtlichkeiten


Philipp, von allen „Pip“ genannt, ist ein toller Typ: groß, gutaussehend, durchtrainiert und mit ausgezeichneten Manieren. Er hat keine Probleme damit, eine Frau abzuschleppen, hatte er auch früher nie. Nur heute verbirgt er ein Geheimnis, das man ihm auf den ersten Blick nicht ansieht. Beim ersten Blick trägt er nämlich Klamotten. Beim Sex allerdings nicht mehr, das liegt in der Natur der Sache.
Ronja verliebt sich auf den berühmten allerersten Blick in ihn und Pip sonnt sich glücklich in der unerwarteten Zuneigung. Aber er ist sich sicher, dass auch sie die Flucht ergreifen wird, wenn sie erfährt, was mit ihm los ist. Nur das Ronja ganz anders zu sein scheint, als alle anderen Frauen, die er kennt.
Besonders sein Ex Leo ist völlig verblüfft, als sie heraus findet, wer nun Pips Leben teilt und versucht so einiges, um ihn zurückzugewinnen. Allerdings scheint ihre plötzlich wiedererwachte Zuneigung ganz und gar nicht ohne Hintergedanken zu sein.

Mit „
Pips Anatomie“ hat Cosima Thomas eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte geschaffen, die auch mit offenherzigen Szenen nicht spart. Dabei geht die Autorin nicht unbedingt ins Detail, verschweigt aber auch nicht, wie wichtig Sex für Pip und Ronja ist und was die beiden mögen.
Das die Story alles andere als „normal“ ist, liegt auch, jedoch nicht nur, an … naja an Pips Anatomie halt. Seine Anatomie ist ein Teil seines Problems. Der Kern versteckt sich aber viel tiefer unter der sichtbaren Oberfläche, als Pip das wahrhaben will. Dort verbirgt er seine geheimen Ängste und den unbändigen Zorn, der ihn hin und wieder überkommt, wenn er über sein Schicksal nachdenkt.
Ronja wirbelt wie ein Sturm in sein Leben und bringt Sonnenschein, Lachen und Zärtlichkeiten mit. Aber auch sie hat Geheimnisse und Schwächen, die sich erst nach und nach enthüllen.

Das Buch ist sehr langsam erzählt und doch faszinierend und spannend. Ich konnte es kaum aus der Hand legen.
Hier geht es nicht nur um die Geschichte eines Pärchens, das sich trifft, verliebt und fertig. Pip hat ein Trauma hinter sich und obwohl der Titel auf seine „Amatomie“ anspielt, so ist doch seine Psyche das eigentliche Thema. Jeder, der einmal eine schwere Verletzung oder Krankheit erlebt hat, weiß wie sehr diese sich nicht nur körperlich auswirkt, sondern auch Narben auf der Seele hinterlässt. Die sind fast schwerer zu pflegen, als die auf der Haut. Sehen kann man sie auf den ersten Blick nicht und eine Salbe auftragen hilft auch nicht wirklich …
Das vorliegende Buch erzählt das komplette erste Jahr, in dem sich Pip und Ronja immer besser kennenlernen. Die Beiden legen in den zwölf Monaten zusammen einen weiten Weg zurück und ihre Narben haben Zeit, ein wenig zu heilen. Natürlich ist Vorsicht geboten! Die alten Wunden könnten jederzeit wieder aufbrechen!

„Pip ist eine Mogelpackung“ schreibt die Autorin im Klappentext. Vielleicht ist er das. Aber nicht so, wie man es im ersten Moment erwartet. Wie bei einem eher schlicht eingepackten Geschenk enthüllt sich erst beim sorgfältigen Auspacken, welchen Schatz man da vor sich hat.
Das erste Date zwischen Pip und Ronja kommt rasch. Das zweite auch und beim dritten passiert es ja angeblich …
Ihre gemeinsame Geschichte fängt aber damit erst so richtig an!
Vielleicht sind Pip und Ronja als Team fast zu gut um wahr zu sein. Das stört aber nicht. Als Protas in einem Roman sind sie ganz genau richtig, damit die Leser mit ihnen lieben und leiden können. Dabei haben sie genügende Tiefe incl. Macken, um realistisch und glaubwürdig zu wirken.

Mir hat diese Geschichte so gut gefallen, dass ich jetzt auch unbedingt noch die Fortsetzung „
Pips Physiologie“ lesen möchte.
Fazit: 5 Punkte und eine Leseempfehlung. Das ist übrigens eines der Bücher, die ich nicht in atemloser Spannung verschlungen, sondern ganz langsam und genüsslich gelesen habe.

Opa Erwin erhält vom mir zusätzliche 5 Sympathiepunkte, ganz für sich alleine. Wahrscheinlich bekommt er einen Lachanfall, wenn er das lesen sollte. Aber für mich steht er stellvertretend für eine ganze Generation von Männern (und Frauen), die ich persönlich gerade noch so kennenlernen durfte und die ein schweres Schicksal mit bemerkenswertem Mut gemeistert haben. Meinen Respekt dafür haben sie auf jeden Fall!

Übrigens: Wer glaubt, Frauen wie Leo würde es in Wirklichkeit gar nicht geben, kann sie glücklich schätzen. Dann kennt er keinen von den Menschen, die sogar als entfernte Bekannte unglaublich anstrengend sind. Glückwunsch!
Sie existieren nämlich leider auch in der Realität.








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