Mittwoch, 18. Februar 2015

"Das Faustus-Institut" von Tim Spohn

Berlin bei Nacht

Noah lebt zurückgezogen im Großstadtdschungel der Hauptstadt. Er meidet soziale Kontakte, weil bittere Erfahrungen ihn gelehrt haben, dass er für die Menschen, die er liebt, gefährlich werden kann.
Seine Einsamkeit teilt nur seine innere Stimme, die er als seinen „Fluch“ bezeichnet. Trotzdem ist Noah nicht unzufrieden, bis ihm Lis und Lucas über den Weg laufen. Immer wieder. Kann das wirklich ein Zufall sein?
Erst als sich merkwürdige Ereignisse überschlagen und gefährliche Dämonen ungeniert in der Realität randalieren, versteht Noah allmählich, dass er nicht alleine über Fähigkeiten verfügt, die nicht ganz menschlich sind. Seine neuen Bekannten bringen ihn zum Faustus-Institut, der Behörde, die für alle übernatürlichen Wesen zuständig ist. Aber wird man ihm dort glauben, dass er keine bösen Absichten hat? Und noch wichtiger, erlaubt sein Fluch, dass er sich näher mit Menschen einlässt, ohne sie zu töten?

Tom Spohn hat mit „Das Faustus-Institut (Der Fluch des Noah Lindt 1)“ etwas geschaffen, dass unheimlich spannend ist: Die Geschichte ist so realistisch angelegt, dass man geneigt ist, sie trotz der Götter, Dämonen und Fabelwesen, die sich darin tummeln, nicht im Gerne Fantasy anzusiedeln, sondern eher unter Thriller laufen zu lassen. Die Schilderungen des nächtlichen Berlins sind so plastisch, dass es keinen Moment irritiert, wenn sich aus dem Schatten des Hinterhofs plötzlich ein Ziegendämon schält oder eine fast vergessene Göttin einen heidnischen Tempel mitten in einer alten Fabrikhalle betreibt. Man ist – genau wie Noah – recht schnell davon überzeugt, dass die übernatürlichen Wesen eine gute Erklärung für viele Phänomene in der modernen, oft kaum verständlichen Welt sind.

(Kleine Frage für Insider: Noahs Erklärung, warum Lis wiederholt einen guten Parkplatz findet, ist doch plausibel, oder?)

Einmal denkt Noah: „ … die ganze Situation ähnelt(e) immer mehr einem Computerspiel …“. Recht hat er! Sagen und Realität vermischen sich in dem Buch zu einem stimmigen Gesamtbild.

Die Geschichte wird übrigens konsequent aus der Sicht von Noah erzählt. So kann der Leser zusammen mit ihm nach und nach entdecken, dass die Welt mehr Facetten hat, als allgemein bekannt sind. Mir gefällt, dass die Sprache zu einem jungen Mann passt. Meist nüchtern, manchmal humorvoll, aber immer mit klaren Worten kommentiert Noah das Geschehen. Dabei lässt die Geschichte nicht kalt! Man spürt Noahs Einsamkeit und Verzweiflung, seine vorsichtige Sehnsucht, aber auch seine Müdigkeit und seine Schmerzen.

Ich konnte „Das Faustus – Instititut“ nicht aus der Hand legen, bevor ich wusste, wie die Geschichte von Noah, Lucas und ihren Freunden vorläufig endet. Ich weiß auch jetzt schon, dass ich unbedingt lesen möchte, wie es mit ihnen weiter geht. Das ist übrigens umso erstaunlicher, weil das Buch eigentlich nicht in mein Beuteschema passt. Während mich in der Regel Geschichten interessieren, deren Focus auf den Beziehungen der Menschen darin liegt, geht es hier in erster Linie um die Entwicklung von Noah. Zu Beginn ist er ein einsamer Einzelgänger, fast unsichtbar in der Anonymität von Berlin. Das ändert sich im Laufe der Geschichte grundlegend. Zwar kann er das Rätsel um seinen Fluch noch nicht lösen, aber er ist auf dem besten Weg Freunde zu finden und in Lucas vielleicht sogar einen Menschen, der mehr als nur das ist.

Fazit: Ungewöhnlich, spannend, richtig klasse geschrieben. Davon will ich mehr lesen! Von mir bekommt „Das Faustus – Institut“ 5 Punkte und eine Leseempfehlung.

Kleine Warnung: Purer Romantiker, die eine reine Love-Story suchen, werden mit der Geschichte nicht unbedingt glücklich werden. Dazu ist sie teilweise zu hart. Aber Leute, die (auch) Spaß an spannend geschriebenen SF-Romanen haben, sind hier gut bedient, obwohl das Buch im „jetzt“ spielt.

Bildquelle: amazon

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