Dienstag, 24. März 2015

"Hard Skin" von Chris P. Rolls

Hard to believe…

Kaum zu glauben, aber dieses Buch hat mich geärgert, völlig fasziniert und schließlich wirklich begeistert. Ein Skin und ein Homo? Damit ist doch wohl alles gesagt, oder? Von wegen! Chris P. Rolls öffnet genüsslich die Klischee-Kiste, zieht die Charaktere hervor, lässt plastische Bilder vor den Augen des Lesers entstehen und zerdeppert diese dann voller Wonne. Übrig bleibt die ungewöhnliche Geschichte einer ersten Liebe, die gegen jede Vernunft zu sein scheint.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Geschichte besprechen kann, ohne zu spoilern, deshalb das Fazit ausnahmsweise vorweg: Von mir gibt es mindestens 5 Punkte und eine Leseempfehlung. Das Buch ist auf eine Art und Weise mutig und interessant, die ich nicht vermutet habe und die auch die Leseprobe so noch nicht erahnen lässt.


Achtung: Ab jetzt SPOILER möglich!!!

Claas hat sich schon längst als schwul geoutet. Offene Anfeindungen gibt es wenige, aber die meisten seiner Schul- und Sportkameraden halten Abstand. Er fühlt sich eher geduldet, als wirklich gemocht. Männliche Kumpel? Fehlanzeige! Seine besten „Freunde“ sind drei Mädels, mit denen er am Wochenende in Ermangelung einer schwulen Szene in der ganz normalen Disco abhängt. Dabei wird er von Jockel, einem Skinhead, angemacht / angesprochen: „Meine Kumpels behaupten, du bist ein Homo“ …

Claas schwankt zwischen Entsetzen, weil er Angst vor einer blutigen Nase hat, und Faszination, weil der den fremden Jungen unheimlich attraktiv findet, obwohl dessen ganzes Aussehen „Nazi“ und „Schwulenhasser“ schreit. Sein „Kann schon sein“ ist demnach nicht die schlaueste Antwort der Welt, aber sein Gehirn hat sich gerade leider verabschiedet.

Es kommt wie es kommen muss: Die Skins lauern Claas auf und drohen, ihn zu verprügeln. Doch Jockel „rettet“ ihn mit ein paar dummen Sprüchen, die allerdings auch für ihn ziemlich beleidigend sind.

Diese Ambivalenz setz sich fort: Der Skin provoziert und verhöhnt ihn, aber als er ihn dann eines Tages allein erwischt und Claas schon meint, nun wäre alles vorbei, erhält er keine Schläge, sondern so zärtliche Liebkosungen, dass es kaum glauben kann. Das ist der Beginn einer mehr als merkwürdigen Beziehung, in der Worte kaum eine Rolle spielen.

Wie Claas kann der Leser lange überhaupt nicht einordnen, welche Motive Jockel antreiben und die Neugier, was hinter der Mischung aus Provokationen und Zärtlichkeiten steckt, macht einen großen Teil der Faszination der Geschichte aus.

Zuerst glaubt man, es würde um den inneren Konflikt eines Skins gehen, der sich und anderen seine Homosexualität nicht eingestehen möchte. Dabei entkraftet die Autorin das Klischee von Jockel als rechtem Schläger schon ziemlich am Anfang so unspektakulär, dass man aus tumber Gewohnheit eine ganze Weile braucht, um zu realisieren, dass Jockels politische Einstellung überhaupt nicht das Problem ist. Vorurteile (ja genau, die beim Leser) halten sich halt auch wider besseres Wissen.

Jockel ist ein „Schweiger“. Er drückt sich nicht mit Worten aus. Das ändert sich auch nicht, als er und Claas sich allmählich näher kommen. Es halt mich völlig begeistert, dass hier entgegen aller (na, was wohl?) Klischees die Liebe den Mann eben nicht in einen Menschen verwandelt, der jetzt all seine Problem ausführlich mit dem Partner ausdiskutiert und sein Herz auf der Zunge trägt. (… und sich am besten noch die Haare wachsen lässt und in Zukunft coole Jeans und Regenbogen-Shirts anzieht). Jockel bleibt kompliziert, und Claas muss lernen, damit umzugehen. Die eigentliche Frage ist, kann und will er sich darauf einlassen und wie geht er mit Jockels Wortkargheit um?

Übrigens fand ich eine weitere Problematik, die angedeutet wird, außerordentlich interessant: Claas stellt fest, dass ihn nicht nur Jockels muskulöser Körper erregt, sondern auch dessen Neigung zur Dominanz. Ich habe selten eine so realistische Schilderung der Zweifel gelesen, die ein intelligenter Mensch einfach haben muss, wenn er feststellt, dass es ihn anmacht, die Kontrolle aufzugeben.

Ganz zum Schluss: Zur Authentizität der Geschichte tragen nicht zuletzt auch die plastischen Schilderungen der Umgebung bei. Sowohl die Atmosphäre der Kleinstadt, in der Claas lebt, als auch das Flair der Großstadt Hamburg, sind wunderbar gelungen.

Ausführliches Fazit von, nach und mit Spoilern: Das Buch ist spannend, erotisch, zärtlich und klug geschrieben. Die Charaktere lassen den Leser nicht gleichgültig, sondern beschäftigen ihn auch noch, wenn er die Geschichte längst zu Ende gelesen hat. Sie bleiben haften und für mich ist jetzt schon klar, dass ich diese Story mehrmals lesen werde.

Aus der Geschichte habe ich mehr als eine persönliche Einsicht gezogen. Dafür nehme ich gerne in Kauf, dass sie mich den Schlaf gekostet hat, weil ich sie nicht aus der Hand legen konnte. Ich würde am liebsten noch weiter schwärmen. Aber ein paar Details sollten auch die Leser, die bis hierher durch meine Rezi gequält haben, noch selber entdecken!

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 Hier kann man die Bücher kaufen: 
"Hard Skin" von Chris P. Rolls
  (link zum Print: "Hard Skin")



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