Dienstag, 5. Mai 2015

"Der dünne Boden, auf dem wir stehen" von J. Walther

Was ist Literatur und warum darf sie keinen Zucker enthalten?

Darf man in einer Rezi am Klappentext rumnörgeln? Keine Ahnung, ich mache es einfach mal: Seit meiner (fast schon vergessenen) Schulzeit hadere ich mit dem Begriff „Literatur“. Was ist das eigentlich? Klar kann ich im Duden, bei Google oder Wikepedia nachschauen, aber das hilft mir nicht. Literatur scheint etwas Elitäres zu sein, ernst, ohne Zucker halt – echte Kunst? Ich scheine blind auf diesem Auge zu sein und erkenne den Unterschied nicht wirklich …
Was ich aber sehr wohl bemerke, ist die Tatsache, ob ein Text mich berührt. Ob er mein Herz zum Singen oder zum Weinen bringt. Das ist für mich persönlich wahre Kunst!
Die „literarischen Kurzgeschichten“ von J. Walther fallen übrigens alle in diese Kategorie. Man sollte das erwähnen, schließlich geht es hier eigentlich um das Buch „Der dünne Boden, auf dem wir stehen“ …

1. Der dünne Boden auf dem wir stehen
Kann es eigentlich Liebe geben, wenn einer der Partner keine Lust hat? Und was ist wichtiger? Das eine oder das andere? Kann man das überhaupt mit dem Verstand entscheiden, oder übernimmt bei Gefühlen nicht  immer der Bauch? Und was sagt schließlich das Herz?
Die Geschichte ist toll geschrieben, sexy, dabei sehr traurig und mit einem Schluss, der seine ganz eigenen Süße hat!

2. Winterlinde
Krankheit und Tod haben im Leben nichts zu suchen. Wir versuchen nicht daran zu denken. Und doch können sie jeden von uns treffen, entweder persönlich oder indem sie einen geliebten Menschen von unserer Seite reißen. „Winterlinde“ beschreibt sehr feinfühlig, wie schuldig man sich fühlen kann, wenn man trauert, obwohl der Tod noch nicht da war.

3. Die perfekte Kürbissuppe
Die Story erzählt eine weitere Episode aus dem Leben von Andreas und Peter. Sie sind auf ihrem schweren Weg vorangeschritten, die Blätter der Winterlinde färben sich gelb und wirken wie ein Symbol für den Abschied, der immer näher rückt. „Ich liebe dich!“ kann man aussprechen. Oder mit zärtlichen Gesten zeigen. Manchmal ist auch eine Kürbissuppe eine Liebeserklärung.

4. Im Sucher
Ha! Endlich! Wer in dieser Geschichte keinen Zucker findet, der hat nicht aufgepasst!
Ok. Eigentlich muss man sich den Zucker dazu denken, weil eigentlich eine Fotosession beschrieben wird. Aber kann man wirklich so sinnliche Bilder machen, wenn man nichts für denjenigen empfindet, den man durch die Linse betrachtet?


Fazit: Ich weiß immer noch nicht, was Literatur ist. Ist mir genauso egal wie in den Jahren zuvor ...

Eines aber weiß ich sehr genau: Diese Kurzgeschichten von J. Walther sind wundervoll geschrieben. Sie schleichen sich unter meine Haut. Sie berühren mein Herz. Und sie nisten sich in meinem Gedächtnis ein. Ich werde sie nicht vergessen.

Ich will mehr davon!!! Die Bücher „Im Zimmer wird es still“ und „Phillips Bilder“, aus denen die Szenen entlehnt sind, haben eben auf meiner Wunschliste einen riesigen Sprung nach oben gemacht. Jede Geschichte, die mit so großartigen Worten geschrieben wird, ist es wert gelesen zu werden!

Bewertung:

Ernsthaft??? Mindestens 5 Punkte, eine begeisterte Leseempfehlung und eine Warnung: Wird vermutlich Folgekäufe nach sich ziehen.


Haben wollen? 
 Hier kann man die Bücher von J. Walther kaufen: 
"Der dünne Boden, auf dem wir stehen" 
"Im Zimmer wird es still"
- "Phillips Bilder"

 Habe gerade noch etwas entdeckt: 
Eine (kostenlose) Leseproben-Sammlung

Bildquelle: amazon

1 Kommentar:

  1. Danke für diese ganz wundervolle kluge Rezension, ich freue mich sehr! Die "Warnung" habe ich ehrlich gesagt in den Klappentext geschrieben, um negatives Feedback bezüglich der absoluten Kürze der Geschichten zu vermeiden. Das "literarisch" bezog sich hauptsächlich auf diese Kürze und Verdichtung, die sich auf eine Szene konzentriert.
    Vielen Dank und Liebe Grüße

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