Mittwoch, 3. Juni 2015

„Totholz für Angeber“ oder aber: Die Freuden des Re-Reads!

Die Kolumnistin einer großen deutschen Wochenzeitschrift macht sich diese Woche Gedanken darüber, ob man Bücher „entsorgen“ darf und gibt zu, dass sie in ihrem Leben nur ein einziges Buch zweimal gelesen hat.

Das bestätigt einen Verdacht, den ich schon länger hege: Ich bin ein absonderlicher Freak!!!

Ich lese mit Vergnügen und Begeisterung Bücher mehrmals. Aber wenn ich das irgendwo erzähle, werde ich ungläubig so angeschaut, als hätte ich gerade gestanden, alte Omas bei Rot auf eine Kreuzung zu schubsen oder kleinen Kindern regelmäßig die Lollis zu klauen.
Bücher zweimal lesen? Wer macht denn so was? Man weiß doch, was drin steht! Wieso sollte man die nochmal lesen?
Meine vorsichtigen Einwände, dass man eine CD ja auch mehrmals anhört oder es als normal gilt, die x-te Wiederholung eines alten Films im TV zu schauen, werden jedes Mal milde lächelnd bei Seite geschoben.
Das …
Also das kann man doch nun wirklich nicht vergleichen!!!

Wieso eigentlich nicht? Ich habe gar nichts dagegen, Bücher zu entsorgen, die ich nicht mag. Viele der sogenannten Klassiker, die zu lesen man mich in meiner Schulzeit gezwungen hat, stehen längst nicht mehr in meinen Regalen. Aber ich suche meine Bücher mit mehr Sorgfalt und Leidensschaft aus, als meine Schuhe. Die haben praktisch und bequem zu sein oder meinetwegen elegant, zeitlos und passend zum Anlass. Fertig.

Ein Buch auszuwählen, ist für mich eine ganz andere Nummer. Ich suche nach Geschichten, die mich berühren und faszinieren. Ich fahnde nach Autoren, die sie mit Worten erzählen, die mir unter die Haut gehen und sich in meinem Herzen festsetzen. Dann tauche ich ein in eine fremde Welt, lerne zwischen den Zeilen Menschen und Schicksale kennen und verfolge atemlos, ob und wie sie sich erfüllen.

Wie kann ich vergessen, was mich für eine Weile völlig gefangen genommen hat?
Und wieso sollte ich dies nicht noch einmal, zweimal oder ein dutzendmal erleben wollen???
Natürlich gibt es Menschen, die kaufen Bücher, weil sie „in“ sind, einen Literaturpreis gewonnen haben, alle darüber reden oder sie angeblich ein „must read“ sind. Kann sein, dass dies dann wirklich „Totholz für Angeber“ ist.
Die allerwenigsten meiner Bücher fallen in eine der oben genannten Kategorien. Mir ist es egal, was andere Menschen lesen. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die bei jedem völlig anders aussieht.

In meinen Büchern steht noch nicht einmal mein Name. Sie gehören mir nicht. Ich gehöre ihnen.

Sie schenken mir Freude und Trost, sie entführen mich für ein paar Stunden aus meinem Alltag und lassen mich dann mit einem guten Gefühl wieder an meine Arbeit gehen. Manche Bücher lese ich immer, wenn ich traurig bin, weil ich weiß, dass sie mich trösten. Eines lese ich (fast) jeden September, weil es in dieser Jahreszeit seinen Höhepunkt findet. Der neue Band einer Serie ist immer eine gute Gelegenheit, sich die alten noch einmal vorzunehmen und sozusagen die „ganze Geschichte“ von vorne aufzurollen. (Gut übrigens, dass Diana Gabaldon nur alle paar Jahre ein Buch herausbringt. Selbst bei meinem Lesetempo, bringt es mich jedes Mal vor Schlafmangel fast um, wenn ich die Serie nochmal ganz am Anfang beginne und dann nächtelang nicht aufhören kann …)

Es gibt aber noch weitere Aspekte, die bei einem Re-Read einfach Spaß machen: Man freut sich schon auf die besten Szenen, die man dann auch gleich völlig entspannt zweimal oder dreimal lesen kann, weil man ja schon weiß, wie das Buch ausgeht. Man entdeckt wundervolle, kleine Details, die einem beim ersten Lesen irgendwie entgangen sind.
Und: nein! Das ist keine beginnende Demenz (Die wird diese Freude höchstens in Zukunft häufiger aufkommen lassen …!) Ich habe diese Erfahrung schon als Teenager gemacht und seit dem viele Male wieder.

Manchmal kommt bei mir ganz schlicht etwas anderes hinzu: Wenn mein Kopf zu voll ist, mein Alltag zu stressig, schaffe ich es nicht, mich mit der üblichen Hingabe und Freude in ein neues Buch zu vertiefen, mich ganz auf die unbekannte Geschichte und die Personen darin einzulassen.
Dann finde ich es tröstlich, alte „Freunde“ wieder zu treffen, Bücher zu lesen, bei denen ich schon vor der ersten Seite weiß, ob ich dabei weinen oder lachen werde, dass sie mich trösten, erheitern oder vielleicht sogar anheizen.

Fazit: In meinen Regalen steht kaum Totholz und auf meinem kindle modern keine ungenutzten Daten vor sich hin. Ich lese Bücher die ich mag so oft, dass ich es bei einigen schon gar nicht mehr zählen kann.
Ich glaube, ich bin gerne ein Freak. Und die Leute, die jedes Buch nur einmal lesen …

… die tun mir leid. Sie wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht.




Kommentare:

  1. Hallo Ulla,
    wie recht Du hast!! Es gibt Bücher in meine Regal die hab ich schon drei bis vier Mal gelesen. Genau wie du schreibst fühlt es sich auch für mich an "wie nach Hause kommen und alte Freunde treffen" wenn ich ein Buch zum zweiten oder zum dritten Mal lese, ich kann Dich so gute verstehen.
    Liebe Grüsse Jacqueline

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  2. Hallo Jaqueline!
    Ganz lieben Dank für deine netten Worte. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht der / die Einzige bin, der sich gerne den Freuden eines Re-Reads hingibt.
    GLG ulla

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  3. Hallo Ulla,
    gerne, nein da bist du nicht die einzige *grins* mein Rekord ist eine Trilogie (Kushiel, von Jacqueline Carey) die ich wirklich fünf mal gelesen habe. Manchmal denke ich mir, das darfst du ja keinem erzählen, die denken ja die spinnt! "lacht" Es gibt einfach so ein paar Bücher wo es mich immer wieder anmacht sie nochmals zu lesen, ich kann nicht genau sagen warum?
    Muss dir übrigens mal ein grosses Kompliment machen für deinen tollen Blog ich schaue jeden Tag rein und freue mich immer über neues von Dir.
    Liebe Grüsse Jacqueline

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  4. :) Danke! Jetzt freu' ich mich einfach!!!
    GLG ulla

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  5. Liebe Ulla,
    auch von mir ein Kompliment für deinen tollen Blog, den ich so gerne lese.

    Nein, du bist ganz sicher nicht die Einzige. *Meld*
    Es gibt Bücher, die lese ich wirklich nur einmal, weil es für mich nicht so richtig passt. Das ist wie mit Leuten, denen man begegnet. Manche mag man nicht wirklich und will die Bekanntschaft nicht vertiefen. Andere schließt man ins Herz und will sie nicht mehr loslassen. Sie werden zu Freunden, die man nicht mehr missen mag. So ist es auch mit Büchern.
    Die "Krankheit" Re-Read haben übrigens auch meine Schwestern und einige meiner Freunde *Grübel: ist das ansteckend? Hoffentlich!*
    Übrigens ein Hoch auf eBooks. Ich achte auf meine Prints, aber nach dem vierten Mal Lesen, erst recht nach dem zehnten Mal, sieht man es ihnen irgendwann leider an ... eBooks bekommen zum Glück keine Eselsohren und gehen auch nicht aus dem Leim, wenn man sie zum 100. Mal an der Lieblingsstelle aufschlägt :D
    Viele Lieblingsbücher habe ich daher inzwischen auch als eBook und schone die Prints im Bücherregal.

    Jedenfalls sprichst du mir mit deinem Beitrag wie schon so oft aus dem Herzen.

    Liebe Grüße
    Chris

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    1. Hallo Chris!
      Du hast wunderbar zusammengefasst, was ich sagen wollte.

      In einer Beziehung bin ich allerdings anders als du: Ich lese fast nur noch e-book, aber meine Lieblingsbücher möchte ich als Print haben, weil ich darin das Blättern und Suchen immer noch entspannter finde. Manche Stellen / Kapitel, die ich toll finde, markiere ich vorsichtig mit Post-It´s.
      Das funktioniert beim e-book nicht wirklich gut. ;)
      GLG ulla

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  6. Toller Artikel! Danke dafür!

    Die Gedanken zu dem Thema teile ich absolut mit dir, du hast das wunderbare Gefühl des Re-Reads in fabelhafte Worte gekleidet!
    Auch ich habe einige alte Freunde, die ich immer wieder besuche, die mein Leben begleitet haben und dies noch tun, die mir im Laufe der Jahre nicht nur ein vertrautes Gefühl gegeben haben, sondern mir auch in jeder Lebensphase Neues gegeben haben. Ich kann auch nicht verstehen, dass man niemals Bücher erneut liest. Ich mache das auch nicht besonders oft, aber manche Bücher wachsen einem eben so ans Herz, dass man es nicht über sich bringen kann, es nur einmal zu lesen.

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