Mittwoch, 30. September 2015

"Love is Love" von France Carol und weiteren Autoren

Love is Love – Romantisch und so bunt wie das Leben selbst …

Mit Anthologien ist das immer so eine Sache: Meistens bekommt man einen bunten Strauß an völlig unterschiedlichen Geschichten, besonders wenn sich so viele Autoren wie hier zusammenfinden. Einige davon kannte ich schon, andere nicht. Aber ich bereue es nicht eine Sekunde, dass Buch gekauft zu haben.

Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Hier ist mit Sicherheit nicht nur für jeden etwas dabei, sondern man findet noch nicht mal was zu meckern, wenn man angestrengt danach sucht.
Damit auch jeder weiß worauf er sich einlässt, folgt nach dem Fazit eine kurze Besprechung jeder einzelnen Geschichte.

„Love is Love“ erhält von mir 77 Punkte (warum, erkläre ich am Schluss) und eine Leseempfehlung.
Wer keine Angst vor ellenlangen Rezis hat, kann jetzt weiterlesen, der Rest sollte sich gleich auf das Buch stürzen!

1. Holger Erdmaier: Schlafloser Morgen
Der Gründer der der Initiative „100% Mensch“ hat ein ungewöhnliches, aber wunderschönes Vorwort verfasst.

2. France Carol: „Liebe oder Alptraum“ Als Marc nach sechs Jahren zufällig Rico wieder trifft, kocht eine ganze Palette von alten Gefühlen in ihm hoch. Nicht alle sind gut. Können die beiden auf ihrer gemeinsamen Vergangenheit etwa eine Zukunft aufbauen? Und wie soll diese aussehen? Rico hat da andere Vorstellungen als Marc …

Die Geschichte ist gut erzählt und interessant durch die Rückblicke der beiden auf ein entscheidendes Ereignis, dass sie aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Der Schluss passt gut zum Motto der Anthologie und der Kampange „Enough is Enough“, deshalb kann man über den erhobenen Zeigefinger ausnahmsweise hinwegsehen.

3. Màili Cavanagh: „Liebe in Zeiten der Homophobie oder Matthias und ich“
Diese wunderschöne Geschichte lässt den Leser aus der Ich-Perspektive miterleben, wie sich ein evangelischer Pfarrer unerwartet in einen Mann verliebt. Die ungewöhnliche Annäherung an das Thema Kirche und Homosexualität hat mich sehr berührt. Außerdem ist sie erstklassig geschrieben und toll recherchiert.

Für mich persönlich eines der High-Lights in dem Buch!

4. Madison Clark. „Zehn Jahre danach“
Liam wirft seinen betrügerischen Liebhaber aus der Wohnung, als er ihn in einer eindeutigen Situation erwischt. Kurzentschlossen besucht er danach ein Klassentreffen und trifft dabei seinen alten Schwarm David wieder. Der steht mittlerweile kurz vor der Hochzeit mit Sarah. Aber wem gelten seine wahren Gefühle?

Die Story hat einige richtig gute Szenen. Besonders interessant ist die Begegnung von Liam mit Sarahs Mutter. Beim Lesen muss man unwillkürlich über so viel Dummheit lachen. Das bleibt einem allerdings rasch im Halse stecken, wenn man sich vorstellt im wirklichen Leben in einer solchen Situation zu sein.
Die Auflösung ist übrigens sehr amerikanisch. Da die Story in den USA spielt, ist das aber in Ordnung.
5. Sitala Helki: „Leere Versprechen“
*grins* Da ich kein Geheimnis daraus mache, dass ich ein notorischer Hochzeitshasser bin, hatte Sitala Helki mich schon mit dem ersten Satz.

Was dann folgt, ist so aberwitzig und lustig, dass ich eigentlich aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen bin. Die Geschichte ist einfach klasse und wer nicht lesen will, was aus Jan-Phillip alias Jean-Pierre Liebtreu (!!!) und Maurice Hartinger wird, ist selber schuld. Der verpasst was!

6. Savannah Lichtenwald: „Liebe und Mut im Angesicht der Macht“
Nicholas hat sich immer vor seinem übermächtigen Vater bestimmen lassen und begehrt auch als Erwachsener nicht auf. Seine Homosexualität hält er geheim. Doch als er Mario begegnet, muss er sich entscheiden, wie sein Leben weiter gehen soll …

Die Geschichte ist sehr melancholisch und setzt sich damit auseinander, wie schwierig es ist, wenn die eigene Familie nicht akzeptieren will, was das Herz eines Menschen begehrt. Erstklassig erzählt, wie immer bei Savannah Lichtenwald.

7. Tanja Meurer: „Herbst“
„Herbst“ ist eine sehr ungewöhnliche Geschichte und keine Romanze im eigentlichen Sinne. Reiner und Andreas sind schon lange ein Paar und stehen beide im Herbst ihres Lebens. Doch Reiners komplizierte Beziehung zu seinem Vater belastet beide. Kurz bevor der alte Mann stirbt, besuchen sie ihn, um Antwort auf ihre Fragen zu erhalten.

Die Stimmung ist sehr düster, nicht zuletzt, weil eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte mit beleuchtet wird, auch wenn sie in der Gegenwart spielt. Das macht auf der einen Seite deutlich, wieviel schon erreicht worden ist, auf der anderen aber auch erschreckend klar, dass Toleranz noch lange nicht in allen Köpfen angekommen ist und das Gift vergangener Tage auch weiterhin seine Wirkung zeigt.

Die Geschichte ist atmosphärisch unheimlich dicht erzählt. Der Hass und die bedrückende Stimmung in dem alten Herrenhaus jagen einem selbst an einem sonnigen Herbstnachmittag eiskalte Schauer über den Rücken.

Tanja Meurer kannte ich bisher nicht, von ihr will ich aber in Zukunft unbedingt mehr lesen!

8. Karolina Peli: „Hochzeitsstühle, ein Tafeltisch und erfüllte Träume“
Laurent und Rafael kennen sich schon lange und sind mittlerweile Nicht nur Lebens- sondern auch Geschäftspartner. Sollen sie wirklich einen weiteren Schritt wagen?

Karolina Peli beschreibt nicht nur eine wunderbare Liebe, sondern auch den Sommer im Süden so farbenfroh und intensiv, dass man nicht nur die lebhaften Bilder vor Augen hat, sondern auch die Düfte der Blumen und Kräuter förmlich riechen kann.
Wunderschön geschrieben! So ein Fest möchte ich gerne auch einmal erleben …

9. Elana Rain: „Innere Stärke“
Johannes und Anton sind beste Freunde, bis Johannes erkennt, dass er schwul ist. Anton kann und will damit nicht umgehen. Er zieht sich nicht nur zurück, sondern wirft mit homophoben Sprüchen nur so um sich. Was steckt wirklich dahinter?

Ok. Die Story kommt ein ganz klein wenig mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Allerdings ist wahr, was dort formuliert wird und man kann es sich nicht oft genug in Erinnerung rufen. Alleine deshalb schon finde ich sie gut.

10. Ani Rid: „Umweg zum Glück“
„Umwege zum Glück“ ist die Fortsetzung zu „Turnschuhe und Notenblätter“, einer bereits veröffentlichten Kurzgeschichte von Ani Rid. Man kann sie allerdings auch verstehen, wenn man die erste Story nicht kennt.

Flo und Ben sind endlich ein Paar, als das Schicksal unbarmherzig zuschlägt. Ben aht einen schweren Unfall und muss zuerst einmal damit klar kommen, dass sein Körper ihm vielleicht nie mehr wie gewohnt gehorchen wird. Er kann einfach nicht glauben, dass er auch weiterhin attraktiv für seinen Flo ist …

Für mich dreht sich die Story darum, was Liebe eigentlich ausmacht. So oft beginnen Romanzen damit, dass der eine den andern super-attraktiv findet. Aber reicht das auf Dauer? Und wenn nicht, was ist es dann?
Ani Rid schreibt leichte, gut zu lesende Geschichten für`s Herz, die ein gutes Gefühl hinterlassen.

11. Juliane Seidel: „Amelis Vermächtnis“
Der Tod seiner geliebten Großmutter Ameli wirft Noah völlig aus der Bahn. Schließlich zerstören seine Eskapaden sogar beinahe seine Liebe zu Gabriel. Zum Glück bricht seine Schwester Fanny ein Versprechen, dass sie Ameli gegeben hat. Die alte Dame hatte ihre eigenen Geheimnisse und plötzlich sieht Noah sie, aber auch sich selbst und seine Beziehung zu Gabriel, in einem ganz neuen Licht.

Juliane Seidel hat einen unverwechselbaren Stil. „Amelis Vermächtnis“ ist unheimlich berührend. Sehr traurig und emotional, aber auch unvergleichlich zärtlich und mit einem Hoffungsschimmer. Einfach wunderschön!

12. Angie Snow: „Liebe, ein anderes Wort für Heimat“
Andy und Sam sind schon über ein Jahr verheiratet, als sie Andys altes Heimatdorf in Österreich besuchen. Leider sind die Reaktionen auf ihre Ehe dort nicht besonders positiv.

Mir gefällt die Geschichte eigentlich, allerdings ärgere ich mich als echtes Landei ein wenig darüber, dass das Dorfleben mit Rückständigkeit und Homophobie gleichgesetzt wird. Das ist nicht immer so …
Die Story ist sozusagen eine Fortsetzung zu „Never stay alone: Andy“. Man versteht sie aber auch, ohne das Buch zu kennen. Die Fans der Serie werden aber natürlich besonders viel Spaß daran haben.

13. Karo Stein: „Vom Mondlicht, Rotkäppchen und goldenen Ringen“
Als Märchenfan war ich total gespannt auf diese Geschichte und irgendwie … ist sie auch märchenhaft. Nicht auf die kitschige Art, sondern auf die moderne und vor allem auf die richtig gute Art!

Lennard und Sven sind schon länger ein Paar. Lennard will gerne eine „eingetragene Lebenspartnerschaft“ eingehen, Sven findet das nicht nötig und ärgert sich außerdem, dass er seinen Mann nicht heiraten darf. Wieso Rotkäppchen ihn zum Nachdenken bringt und was genau im Kaffee war …

Das muss jeder selbst nachlesen!
Die Story von Karo Stein ist absolut klasse! Nachdenklich, lustig und genial geschrieben.

14. Daniel Swan: „Schwanentanz“
Julian kommt neu in die Klasse und setzt sich neben Damian. Scheint Schicksal zu sein, denn die beiden Jungs verstehen sich auf Anhieb. Dass aus ihrer Freundschaft bald mehr wird und was sie damit auslösen, ahnen sie zuerst noch nicht.

Die „Schwanentanz“ von Daniel Swan erzählt die Geschichte einer jungen Liebe und das (finde ich zumindest) mit jugendlichem Elan. Es macht Spaß, zu lesen, was die zwei erleben und mit ihnen zu entdecken, was ihren ärgsten Widersacher angetrieben hat.

15. Marc Weiherhof: „Traumhochzeit mit Tücken“
Greg rettet Ray aus einer schier ausweglosen Situation und Ray verliebt sich auf den ersten Blick in dessen blaue Augen. Als sie sich endlich entschließen zu heiraten, geht das nicht ohne Probleme über die Bühne. Die beiden lassen sich natürlich von ihrem Plan nicht abhalten und diesmal kämpft Ray einen besonderen Kampf für seinen geliebten Mann aus.

Marc Weiherhofs Geschichte fängt sehr hart an, hat ihre komischen Seiten und endet …
*grins* Selber lesen! Das wäre ja sonst ein Spoiler!

16. Detail: „Schlechtes zum Guten“
Nico erlebt einen brutalen Überfall und weiß nicht, an wen er sich um Hilfe wenden kann. Spontan ruft er seinen Kumpel Manuel an. Der hilft natürlich und plötzlich merken die beiden, dass sie eigentlich viel mehr als Freunde sein könnten.

Gut geschriebener Shorty!

17. Alex Kenny: „Feuersturm“
Anna und Karo sind auf den ersten Blick so verschieden wie Feuer und Wasser. Dass sie sich im Internat ein Zimmer teilen müssen, macht die Situation für beide nicht einfacher. Obwohl Anna sie konsequent mobbt, deckt Karo deren häufiges Fernbleiben. Erst als beide auch in den Ferien im Internat bleiben müssen, verändert sich ihr Verhältnis langsam. Das kommt bei Annas alten Freunden zuerst gar nicht gut an.

Die Grundidee ist gut und die Story enthält einige richtig tolle Szene.
Wenn ich aber ehrlich bin, ist der Stil aber noch ausbaufähig.

18. Michael Schwarz: „Vatersein, der schönste Wahnsinn der Welt!“
Michael Schwarz erzählt mit sehr persönliche Worten, wie sich sein Leben plötzlich und unerwartet noch einmal geändert hat: Louis macht aus einem schwulen Paar ein bunte Regenbogenfamilie.

Das ist das wahre Leben!
*grins* Der Kleine ist einfach niedlich …

19. Dieter Wischnewski: „Wat is?! Gayropa!“
Ich nehme auch ein Herrengedeck! Das ist das beste Stammtisch-Parolen-Gerede, dass ich in meinem ganzen Leben gehört habe!

Prost!!! Und Jungs: Wenn ihr die Pinguine haben wollt, darf ich dann einen der Transvestiten behalten? :D
(Im Ernst: Das hier ist einfach nur klasse! Danke für diese tolle Story!!!)

20. Jens Rettberg: „Ich sein“
„Ich sein“ ist ein Gedicht. Ehrlich und trauig …

21. Bonus: Der Text zum Song „Seventyseven - Love is Love“ liefert mir mein Stichwort: 77 Punkte kann ich ja leider nur virtuell geben, aber 77mal Danke sagen für diese tolle Antho und das Engagement aller Beteiligten ist auch real möglich. Sie haben es gemacht und sind für die Menschenrechte aufgestanden.

Also 77 von 5 Punkten und eine richtig begeisterte Leseempfehlung. Ich hatte Spaß, war nachdenklich, berührt und habe außerdem einige tolle neue Autoren kennengelernt. Was will ich mehr?

aben wollen?
 Hier der Direktlink zum Buch:
Love ist Love“ 

Außerdem hier noch ein paar weiter links:
1. Link zur Homepage von "Enough ist Enough": "Enough ist Enough! - Open your Mouth!"
2. Link zur Homepage des Projektes 100%Mensch: "100%Mensch"
3. Link zum offzielen Video des Projekts 100% Mensch: "77 Love is Love"


Bildquelle: amazon



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