Dienstag, 3. November 2015

"In seiner Hand" von Ulrich Hawighorst (Herausgeber)

Zitat: „Lust passiert im Kopf“

Mit „In seiner Hand: Geschichten voller Männerlust“ haben Ulrich Hawighorst als Herausgeber und der Incubus-Verlag eine Sammlung von Geschichten vorgelegt, in denen sich alles um „das Eine“ dreht. Richtig neugierig macht schon das Vorwort, in dem versprochen wird, dass wirklich heiße Geschichten gesucht wurden, denen aber auch die Sinnlichkeit nicht fehlt. Erotik ist mehr als bloßes Rein-Raus, Sex ist nicht nur Mechanik und selbst wenn er schnell, hart und anonym sein soll, muss der Funke der Erregung erst einmal zünden. Ein Buch über Männerlust, über geheime Wünsche und offen ausgelebte Triebe, eines das es schafft, mit Worten ein erotisches Kopfkino zu entzünden und ein gewisses Kribbeln auszulösen, sollte hier entstehen.

Ob das gelungen ist?
Und ob das gelungen ist!!! 


Überraschenderweise spielt das besagte Kopfkino schon beim Cover verrückt: Eigentlich sieht man fast gar nichts, aber allein die Haltung ist Andeutung genug, lässt das Vorstellungsvermögen auf Hochtouren laufen und stimmt damit perfekt auf die folgenden, sehr unterschiedlichen Geschichten ein:

(Mal ganz ehrlich: Wenn man das Covervon weitem betrachtet oder als Mini-Pic in der Vorschau ... Sehe nur ich da etwas ganz anderes, als einen Arm?)

Übersicht:

1. Der Traum des Fischers (J. Walther)

2. In Oberons Reich (Thomas Pregel)

3. Unter Wasser (Raik Thorstadt)

4. Pecado Nefando (Martina Patek)

5. Mr. Sex-on-Legs (Björn Petrov)

6. Obsession (C. Dewi)

7. Wolfsträume (Leann Porter)

8. Darkroom Love (Lasar Herzberg)

9. Fünf-Gänge-Menü (J. Walther)

10. Vom Erwachsensein (Dennis Stephan)

11. Stimmgewalt (Björn Petrov)

12. Als Hylios brannte (Annette Juretzki)

13. Manchmal endet es im Wahnsinn (Peter Nathschläger)

14. Sturm (C. Dewi)

15. Einmal Unendlichkeit und zurück (Levi Frost)

16. Akt für vier Spieler: Ein prometheanisches Quartett (Devin Sumaro)

17. Wüstensohn (Romy Wolf)

18. Fremde Betten, fremde Bäder (Nino Delia)

19. Zehn Prozent (Florian Höltgen)


Die Autoren erzählen von Lust, Liebe und Leidenschaften. Mal beschreiben sie nur einen kurzen, intimen Moment, eine einzige Begegnung, mal darf mal als Leser die Charaktere ein längeres Stück ihres Weges begleiten. Um es vorweg zuschicken: jede Erzählung ist auf ihre ganz eigene Art und Weise heiß, sinnlich oder berührend.

Der Bogen wird weit gespannt: Von Fantasy und historisch angehauchten Geschichten über „Gegenwartsliteratur“ bis zu SF-Storys ist alles dabei. Manchmal scheint sich der Sex nur im Kopf anzuspielen, dann wieder leben zwei, drei oder gar vier Männer ihre Lust miteinander aus. Besonders interessant fand ich es, wenn eine Geschichte einen Fetisch bedient, mit dem man als Leser eigentlich nichts anfangen kann und sich dann doch dabei erwischt, völlig fasziniert zu sein und die fremde Sinnlichkeit zu spüren. Gleich die erste Story deutet etwas an, dass ich bisher höchstens aus Mangas kannte und persönlich eher befremdlich fand. Aber „Der Traum des Fischer“ von J. Walther ist so erotisch, dass man sich dem nicht entziehen kann (oder will …). Bei der Story „Mr. Sex-on-Legs“ von Björn Petrov musste ich schmunzeln. Aber heiß sind er (der Mister) und seine im Detail beschriebenen Körperteile trotzdem! Das eröffnet einen ganz neuen Blickwinkel auf …

*grins* Nicht auf das, was einige jetzt bestimmt vor dem inneren Auge haben!


Mehr als einmal geht es um Macht und Hingabe. Wer bezwingt wen? Das scheint bei einem gefesselten Gefangenen und seinem Wächter auf den ersten Blick ganz klar zu sein. Allerdings merkt Ruy in „Pecado Nefando“ von Martina Patek sehr schnell, dass er den Inka-Krieger Atoq völlig unterschätzt hat. Auch in „Obsession“ von C. Dewi sind die Rollen nicht so klar verteilt, wie es den Anscheint hat.

Neben vielen, wunderbar sinnlichen Momentaufnahmen und One-Shots findet man auch einige längere Geschichten. Wenn man als Leser trotzdem nach „mehr“ schreit, ist das nicht, weil die Storys nicht rund wären, sondern weil sie so gut und die Charaktere so interessant sind, dass man neugierig ist, wie es mit ihnen weiter gehen könnte. Besonders gerne hätte ich gelesen, was mit den Gladiatoren Farzin und Aemillius in „Wüstensohn“ von Romy Wolf noch so alles passiert. Über das Ende von Florian Höltgens „Zehn Prozent“ rede ich besser gar nicht. Dieser „erste Ausflug“ des Autors ins SF-Genre ist ein Volltreffer, den man unbedingt lesen sollte, auch wenn er mit dem übelsten Cliff aller Zeiten schließt!

Fazit: „In seiner Hand: Geschichten voller Männerlust“ enthält für jeden Geschmack etwas. Gleichgültig wird diese Anthologie niemanden lassen, egal ob man deutliche Worte oder sinnliche Andeutungen, sanfte Berührungen oder harte Griffe mag.

Ich würde gerne sehr viel mehr als 5 Punkte geben. Das Buch habe ich mit absoluter Sicherheit nicht zum letzten Mal in der Hand gehabt und kann es jedem nur ans Herz legen.

P.S.: Geschmäcker sind und bleiben verschieden. Das ist gut so. Alle Storys in dem Buch sind richtig gut geschrieben und jede berührt auf ihre eigene Weise.
Meine ganz persönliche Lieblingsgeschichte ist die von Ismael und Mateo aus „Sturm“ von C. Dewi. Sie ist voller Sehnsucht und unterdrücktem Schmerz. Die beiden Männer leben an der rauen Küste Chiles. Sie nähern sich einander nur vorsichtig und voller Angst vor Verletzungen, bis sie sich schließlich genug vertrauen, um zärtlich zueinander zu sein. Ihre Geheimnisse erschließen sich zuerst den tastenden Fingern in der Dunkelheit, bevor sie den Mut finden, sie einander anzuvertrauen.

Haben wollen?
 Hier kann man das Buch kaufen:
Bildquelle: Incubus-Verlag
(Nicht von dem "Baustellen"-Schild auf der Startseite abschrecken lassen, das bezieht sich darauf, dass der Verlag gerade umzieht. Die Internetpräsenz ist ausführlich, aktuell und informativ wie eh und je!)

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