Montag, 30. Mai 2016

Mieses Englisch und schlechtes Deutsch

Mein Englisch ist zugegebenermaßen nicht perfekt. Im Gegenteil. Ich würde es eher als mies bezeichnen. Es reicht gerade so, um hin und wieder ein englisches Buch zu lesen und zu verstehen. Wahrscheinlich deshalb tendiere ich dazu, mich bei der Bewertung englischer Geschichten fast ausschließlich auf den Inhalt zu konzentrieren.

Bei deutschen Büchern ist das nicht ganz so einfach. Zum echten Lesevergnügen gehört für mich hier ganz selbstverständlich auch dazu, dass ich meinen Spaß an der Sprache habe. Ich liebe es, wenn Wörter perfekt treffen, wenn abwechslungsreich und bildreich erzählt wird.

Dabei muss der Stil weder blumig noch ausufernd sein. Er muss einfach passen. Direkte, klare Worte können genauso ihre Schönheit haben, wie verspielt erzählte.

Umso mehr ärgert es mich, wenn ein Roman, der mir im Englischen richtig gut gefallen hat, auf Deutsch plötzlich völlig banal zu sein scheint. Es ist einfach in unserer Sprache kein guter Stil, jeden zweiten Satz mit dem Namen des Protagonisten (wahlweise mit „er“) anfangen zu lassen. Echte Hassgefühle entwickele ich, wenn sich Wortwiederholungen häufen. Dann schreit ständig eine Stimme in meinem Hinterkopf: „Da! Da steht es schon wieder!!!“ und verhindert damit erfolgreich, dass ich mich ganz in der Geschichte verlieren kann.

Bin ich kritischer geworden, oder hat die Qualität der Übersetzungen tatsächlich nachgelassen?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass letzteres der Fall ist. Manche der Bücher wirken, als würden sie mit Google Translations übersetzt, bevor jemand noch einmal kurz drüber schaut und die gröbsten Fehler ausbügelt. Einen Lektor scheinen diese Bücher nicht mehr zu sehen, nachdem sie ins Deutsche übertragen worden sind. Sie lesen sich holprig und „unrund“. Kurz gesagt: Sie machen keinen Spaß.

Dabei gibt es sie auch weiterhin: Die wunderschönen Geschichten, die nicht einfach lieblos Wort für Wort in eine andere Sprache übertragen werden, sondern bei denen sich der Übersetzer die Mühe macht, dem Zauber der Geschichte nachzuspüren. Deutsch ist manchmal nüchtern, kompliziert und unbeholfen darin, etwas auszudrücken. Aber es findet sich auch in unserer Sprache ein reicher Schatz an Vokabeln, mit dem man spannende, erotische und berührende Geschichten erzählen kann. Worte, die Bilder malen und das Kopfkino auf Hochtouren bringen. Man muss sich nur richtig benutzen.

Bitte, bitte liebe Autoren und Verlage: Lasst nicht zu, dass eure tollen Werke sich unter Wert verkaufen, nur weil sie schlecht übersetzt werden! Dass ein Buch neben dem Inhalt auch von seiner Sprache lebt, ist doch schon fast zu banal, um es extra noch einmal zu betonen, oder? Eine tolle Geschichte ist allemal die Mühe wert, sie auch in passenden Worten zu erzählen, egal in welcher Sprache.


Bildquelle: Pixaybay

P.S. und eigentich ohne Zusammenhang mit dem Inhalt dieses posts: 
Ich bin echt zufällig über das Bild gestolpert. Aber die Welt ist nicht nur klein, sondern winzig. Es gibt Menschen, die können tatsächlich nicht nur mit Worten Bilder malen, sondern auch noch toll fotografieren. Wer dem link folgt, wird wissen, von welcher tollen Autorin ich hier spreche ... 

Kommentare:

  1. Als jemand, der fallweise für Verlage übersetzt und sich daher intensiv mit der Materie beschäftigt, meine Ansicht der Misere:
    Das Absinken der Qualität liegt zu einem nicht geringen Teil daran, dass einige Verlage nicht mehr bereit sind, die Arbeit angemessen zu entlohnen. Das führt dazu, dass Übersetzer zu viele Aufträge annehmen müssen, um über die Runden kommen, und sich oft nur mehr ein einziger Übersetzungsdurchgang (manchmal im Schnelldurchlauf und mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen) ausgeht.
    Auch der Übersetzer kann nicht allein von Buchstaben leben, sie sollten zumindest in einer Suppe schwimmen ;-)

    Dazu kommt noch, dass es eben nicht ausreicht, einigermaßen gut die Ausgangssprache zu beherrschen. Noch wichtiger ist es, die Zielsprache zu beherrschen und ein Gefühl für Sprache zu haben. Wenn dann noch ein guter Lektor mit von der Partie ist, der hilft, wenn der Übersetzer vor lauter Buchstaben die Wörter nicht mehr sieht, ist auch das Ergebnis schön zu lesen. Wenn nicht ... nun, dann wurde zwar der Inhalt übertragen, aber der Lesegenuss ist flöten gegangen :-(

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  2. Hallo Jery!
    Es ist natürlich sehr interessant, das von einem "Insider" zu hören.
    So geschickt, wie du mit Worten umgehst, gehören deine Übersetzungen sicher zu denen, die mir gefallen würden.
    GLG Ulla

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