Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Celia Jansson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Celia Jansson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 25. Februar 2016

"Edwardianische Zeit" - Beitrag zur Bogtour "Sunford - Verführung eines Gentleman"

Die Frage zum heutigen Gewinnspiel findet man am Ende  des Textes ...

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts …

„Sunford – Die Verführung eines Gentleman“ von Celia Jansson spielt im Sommer des Jahres 1905 in einem (fiktiven) idyllischen Örtchen in Somerset, England. Nicht nur das britische Reich, die ganze Welt befindet sich in einem Umbruch, der mehr und mehr an Tempo gewinnt. Seit dem Tod von Königin Vitoria im Jahre 1901, die immerhin 63 Jahre lang über das Empire herrschte, sitzt Edward VII auf dem Thron. Die Technisierung der Welt schreitet unaufhaltsam voran, die Gesellschaft hat sich aber noch nicht wirklich an die Moderne angepasst und die prüden Moralbegriffe von Viktoria halten sich in vielen Bereichen auch weiterhin.

Das kleine britische Örtchen „Sunford“ kann man als beispielhaft für den stattfindenden Wandel sehen. Zwar scheint die Zeit hier noch stillzustehen, aber auch Sunford kann sich natürlich dem Schritt ins neue Jahrhundert nicht auf Dauer entziehen. Leonard Knightley, einer der beiden Protagonisten der Geschichte, möchte unbedingt, dass die Eisenbahn endlich bis in sein Heimatdorf kommt. Er arbeitet daran, Investoren und politische Entscheidungsträger für sein Projekt zu begeistern, um so eine Verbindung des Örtchens in die Metropole London gewährleisten.

Manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, ob er sich bewusst ist, welche Gefahr die direkte Verbindung ins schnelllebige London für seinen geruhsamen Rückzugsort bedeuten könnte. Den kann man bisher nämlich nur per Pedes, im Sattel oder mit der Kutsche erreichen. Die ersten Automobile gibt es zwar auch schon, sie sind aber noch eine exotische Sensation. Fahrräder sind eher Luxusgegenstände, die dem Vergnügen dienen, als Lastesel, die kein Futter brauchen.

1905 sind Eisenbahnen und dampfgetrieben Lokomotiven nichts wirklich Neues mehr. Die erste öffentliche Dampfeisenbahn transportiert schon seit 80 Jahren Erz und später auch Personen auf der Strecke zwischen Stockton und Darlington. Interessant an der Geschichte der britischen Eisenbahn ist, dass– anders als in Deutschland – in erster Linie Privatpersonen die Konzession erhalten Strecken zu bauen und zu betreiben. Darin steckte natürlich ein großes Gewinnpotential, das Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten anlockt und nicht wenige der Pioniere reich macht. Leonard verfügt bereits über ein gewisses Vermögen, das er in verschiedene Projekte investiert. Er ist aber im Gegensatz zu Vincent, dem Objekt seiner Begierde, kein Adliger und verfügt damit nicht über dessen Privilegien.

Das kann ihn in große Schwierigkeiten bringen, wenn seine Homosexualität bekannt wird, die seit der prüden Königin Viktoria nicht nur verpönt, sondern gleich verboten ist. Mehr zu diesem speziellen Thema gibt es morgen im Rahmen der Blogtour bei Koriko auf “Like a Dream“.


Eine wichtige Rolle in „Sunford“ spielt Leonards Schwester Florence. Sie ist eine sehr moderne, belesene Frau, die sich nicht mit der Rolle als Hausfrau und Mutter abfinden will. Florence interessier sich sehr für die Frauenrechtsbewegung und die 1903 von Emmeline Pankhurst gegründete „Women’s Social and Political Union (WSPU)“, die sich für die Einführung des Frauenwahlrechts stark machte. Damit weigert sie sich, genau wie ihr Bruder, sich den geltenden Normen zu unterwerfen. Celia Jansson macht ihren Durst nach Freiheit deutlich, indem sie sie Fahrrad und Auto fahren lässt, was im Dorf jedes Mal für Klatsch sorgt. 


Sunford ist eine kleine, in sich geschlossene Welt. Heute, im Zeitalter von internet, wo Nachrichten nur noch Sekunden brauchen, um die ganze Welt zu erreichen, vergisst man leicht, dass dies noch nicht lange der Fall ist. Für die Dorfbewohner ist London weit weg. Das Tagesgeschehen dort interessiert sie nur am Rande, die Politik, aber auch die gesellschaftlichen Ereignisse betreffen sie kaum und haben keinen wirklichen Einfluss auf ihr Leben.

England befindet sich auf dem Höhepunkt des Imperialismus und führt in allen Teilen der Welt Kriege. In Europa entwickelt sich zunehmend eine Rivalität mit Deutschland, die 1914 im ersten Weltkrieg enden wird. Auch hier spielt die Eisenbahn übrigens eine wichtige Rolle. Nicht nur in England werden überall Strecken ausgebaut, auch weltweit versuchen die verschiedenen Nationen mit dem Bau von Schienenwegen ganze Länder unter ihre Herrschaft zu bringen.

Für Sunford bedeutet die Eisenbahn nur eine schnelle Anbindung in die Hauptstadt und evtl. die Erschließung den dortigen Marktes für die Produkte der Region. Weltweit sieht dies natürlich anders aus. Die Eisenbahn bedeutet für den jeweiligen Erbauer nicht nur den Zugriff auf Rohstoffe, sondern auch die Möglichkeit schnell Truppen und Material in Krisenregionen zu bringen.


Viel mehr als für die Politik interessieren sich vor allem natürlich die Damen für die Londoner Mode. Einerseits ist sie vom Jugendstil inspiriert und betont die weiblichen Kurven mit der S-Linie, die durch Korsetts unterstützt wird, andererseits verbietet die Prüderie Haut zu zeigen. Von Abendkleidern einmal abgesehen, sind Kragen hochgeschlossen und lange Ärmel bedecken die Haut bis zum Handgelenk. Wer sich in dem Buch manchmal über Leonards und sogar Vincents Zurückhaltung wundert, sollte bedenken, dass es noch wenige Jahre zuvor – unter Königin Viktoria – verpönt war, von „Beinen“ auch nur zu sprechen. Dies galt als sexuell anstößig, weshalb man „Gliedmaßen“ sagte. Die Prüderie ging teilweise so weit, dass sogar Stuhlbeine (!) verhüllt wurden, weil ihr Anblick sexuelle Lust hervorrufen könnte …

Die Herren der Schöpfung tragen 1905 natürlich Hosen und dazu, je nach Anlass Frack oder Sakko. Westen waren obligatorisch, die früher üblichen hohen, unbequemen Kragen sind mittlerweile durch niedrigere und bequemere abgelöst worden. Der Reißverschluss war schon erfunden, hatte aber seinen Weg in die Alltagkleidung noch lange nicht gefunden. Wenn Leonard und Vincent sich also aus ihren Kleidern schälen, müssen sie eine Menge Knöpfe öffnen!



Zum Schluss:

Ich muss gestehen, dass mich Ich „Sunford“ noch einmal und mit erheblich mehr Vergnügen gelesen habe, nachdem ich mich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund befasst habe. Sehr gespannt bin ich auf die Zusammenfassung zum Thema Homosexualität in dieser Zeit im Rahmen der Blogtour. 

Die Geschichte von Vincent und Leonard ist mit Sicherheit von dem realen Skandal um Oscar Wilde inspiriert, der ein paar Jahre zuvor die Londoner Gesellschaft in Aufruhr versetzt hat. Die Doppelmoral, verschärft durch die Tatsache, dass bei Adel und dem Rest der Bevölkerung mit zweierlei Maß gemessen wurde, erhöht die Dramatik der Geschichte und lässt die Reaktionen und die Angst vor einem erzwungenen Outing noch einmal verständlicher werden.



Die Gewinnfrage des Tages:
Oft hört man ja: "Früher war alles besser!"
Wenn man sich ein wenig mit der Vergangenheit auseinandersetzt kommt man schnell dahinter, dass dies mit Sicherheit nicht so war. Trotzdem hat der Gedanke einen gewissen Charme, zumindest mal "vorbeizuschauen". 

Wenn Zeitreisen in die Vergangenheit möglich wären, welche Zeit würdet ihr gerne besuchen? Warum?

Zu Gewinnen gibt es auch heute wieder ein Print-Exemplar von "Sunford". Man kann übrigens auf jedem der Blogs im Rahmen der Tour teilnehmen und so seine Gewinnchancen erhöhen!
Einfach die jeweiligen Fragen in den Kommentaren bis zum 3. März 2016; 23.59 Uhr beantworten, e-Mail-Adresse hinterlassen und schon landet man im Lostopf.
Die Gewinner werden am Ende bekannt gegeben!

Achtung: Mail-Adresse nicht vergessen oder direkt an mich schicken. 

Quellen: Wikipedia, Chronik des 20. Jahrhunderts, diverse Geschichtsbücher
Bildquellen: Wikipedia, Sieben-Verlag (Cover)

# Die Rezension enthält Werbelinks.

Mittwoch, 24. Februar 2016

"Sunford – Verführung eines Gentleman" von Celia Jansson

Unerwartet und doch am Ende unverzichtbar …
Leonard Knightly ist ein wohlhabender Unternehmer in seinen besten Jahren, erfolgreich und … schwul. Das ist im prüden England Anfang des 20. Jahrhunderts ein Verbrechen, das mit Zuchthaus geahndet wird. Seine Sehnsucht nach Nähe unterdrückt Leonard so gut es geht, nur hin und wieder lässt er sich zu belanglosen Affären hinreißen. Alles sehr diskret und niemals auf mehr als reinen Sex angelegt, Liebe oder gar eine Partnerschaft scheinen unerreichbar zu sein.

Als er den jungen Adligen Vincent kennenlernt, fühlt er sich von ihm angezogen, glaubt aber niemals daran, eine Chance zu haben, Außerdem möchte er Vincent auf keinen Fall kompromittieren. Fast gegen seinen Willen verbringt er trotzdem immer mehr Zeit mit dem stets gut gelaunten Mann.

Die Frage ist, wer in diesem Spiel der Verführer und wer der Verführte sein wird. Können die Männer wieder aufeinander verzichten, nachdem sie einander unerwartet gefunden haben?

Die Geschichte „Sunford - Verführung eines Gentleman“ von Celia Jansson lässt sich in drei Teile gliedern.

Zu Beginn wird der Sommer aus Leonards Sicht geschildert. Seinem zurückhaltenden Wesen entsprechend beginnt die Geschichte sehr ruhig und langsam. Leonards Homosexualität ist ein Geheimnis, das er um jeden Preis wahren will, weil ihn die Enthüllung gesellschaftlich und beruflich ruinieren würde. Er verschließt diesen wichtigen Teil seines Selbst so tief und mit so eiserner Disziplin in sich, dass er auch in anderen Situationen nicht mehr offen und spontan reagieren kann. Private Treffen mit anderen Menschen strengen ihn an, weil er immer etwas von sich verbergen muss. Nur die idyllische Umgebung seines geliebten Heimatortes Sunford schenkt ihm ein wenig Frieden, der durch Vincents Ankunft allerdings gehörig gestört wird.

Der zweite Teil erzählt im Grunde die gleiche Geschichte noch einmal, allerdings aus Vincents Sicht. Damit ändert sich auch plötzlich der Blickwinkel des Lesers ganz entscheidend. Situationen, die eigentlich schon bekannt sind, bekommen auf einmal ein völlig neues Gewicht. Überraschenderweise ist es keinen Moment langweilig, sondern sogar außerordentlich spannend, zu erfahren wie Vincent den Sommer erlebt hat. Dass er kein unschuldiger Junge ist, was eigentlich schon klar, was ihn aber wirklich nach Sunford verschlagen hat, ist dann doch eine Überraschung. Als sein Geheimnis enthüllt wird, ist der Zauber des Sommers gebrochen.

Der dritte Teil des Romans erzählt abwechselnd aus Leonards und Vincents Sicht, wie die damit umgehen, dass sie sich unerwartet und sicher auch ungewollt in einander verliebt haben. Beide glauben nicht, dass es eine gemeinsame Zukunft für sie gibt, aber beide können auch nicht in ihr altes Leben zurück. Sie müssen sich entscheiden, ob sie wirklich auf die Liebe und vor allem auf einander verzichten können. Die gemeinsame Zeit hat beide tief berührt und für immer verändert.

Der Roman besticht nicht nur mit den beiden solide angelegten Charakteren, sondern auch mit sympathischen Nebenfiguren. Hier ist natürlich allen voran Leonards kluge und für ihre Zeit erstaunlich unabhängige Schwester Florence zu nennen. Im Gegensatz zu Leonard hat sie keine Angst davor, die Gesellschaft zu brüskieren, um ihre Ziele zu erreichen.

Sehr interessant und außerdem wunderschön beschrieben sind die Schauplätze, an denen die Story spielt. Der ländliche Friede von Sunford ist ebenso spürbar wie die laute Hektik von London. Celia Jansson ist es ausgezeichnet gelungen, die besondere Atmosphäre beider Orte einzufangen. Besonders die Beschreibungen von London mit seinen Subkulturen in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges sind unheimlich interessant. Bigotterie und Klatsch findet man übrigens im kleinen Dorf genauso wie in der großen Metropole.

„Sunford - Verführung eines Gentleman“ ist so mehr Romanze als historischer Roman. Trotzdem spürt man den Atem der längst vergangenen Zeit, wenn man das Buch liest sehr deutlich. Die geschickte Verknüpfung mit realen Personen und Ereignissen macht die Geschichte sehr authentisch. Man muss sich ein wenig auf den Roman und die Zeit in der er spielt einlassen, um die Motive und Handlungen von Leonard und Vincent wirklich nachvollziehen zu können. Leonards Reserviertheit und Vincents Geheimniskrämerei machen das nicht immer einfach.

Aber es lohnt sich! „Sunford“ ist kein Buch, das man begeistert verschlingt, sondern eines, das man in Ruhe genießen sollte. Es ist klug angelegt und geschrieben. Wenn man der Geschichte ein wenig Zeit gibt, wächst sie einem sehr ans Herz. Hier kann sollte man sich ruhig ein Beispiel an Vincent nehmen: Voller Freude entdeckt er am Wegesrand tausend kleine Wunder und öffnet damit auch Leonards Augen für Schönheit, die dieser vorher schon lange nicht mehr wahrgenommen hat.

Mein Fazit:
„Sunford - Verführung eines Gentleman“ hat auch mich verführt. Von Seite zu Seite habe ich immer mehr Gefallen an der Story gefunden. Der Anfang ist ein wenig zäh, erst ab dem zweiten Teil nimmt die Story merklich Fahrt auf. Obwohl man die Handlung ja eigentlich schon kennt, ist es unheimlich spannend, sie noch einmal aus einer ganZ anderen Perspektive zu erleben.
So hat sich fast unmerklich von „Gefällt mir“ zu „Gefällt mir sehr“ hochgearbeitet und erhält damit 5 Punkte und eine Leseempfehlung.



Haben wollen?
 Hier kann man das Buch von Celia Jansson kaufen:

- "Sunford - Verführung eines Gentleman"

Bildquelle: Sieben Verlag

# Die Rezension enthält Werbelinks.