Mittwoch, 27. September 2017

"Missbraucht" von Jamie Fessenden

Überleben ist nicht gleich Leben …

Auch wenn Dereks Leben nicht wirklich perfekt ist, er befindet sich sicher nicht auf der Verliererseite. Sein Privatleben ist in Ordnung, er arbeitet gerne in seinem Job, verdient gutes Geld und hat gerade zusammen mit seinem Lebenspartner sein Traumhaus gekauft.
Eine einzige Nacht ändert alles: Ausgerechnet sein bester Kumpel, der gleichzeitig sein Vorgesetzter ist, missbraucht ihn. Das wäre schon allein schlimm genug. Doch am nächsten Morgen ist Dereks Leiden noch lange nicht zu Ende: Was soll er seinem Partner sagen? Wie soll er damit umgehen, dem Täter jeden Tag zu begegnen?
Als die Tat schließlich ans Licht kommt, reagiert Dereks Umgebung völlig anders, als er erwartet hat. Der schon wochenlang andauernde Alptraum bekommt eine ganz neue Dimension. Gibt es für Derek überhaupt noch einen Ausweg? Er hat zwar den Missbrauch überlebt, sein Leben wirklich leben kann er aber nicht mehr …

Missbraucht“ von Jamie Fessenden ist ein unheimlich eindringliches Buch. Der Autor erzählt sehr ruhig und unaufgeregt, wie sich eine Katastrophe ereignet und wie schwierig es ist, mit den Folgen zu leben. Eines ist klar: Nichts, aber auch gar nichts, wird ungeschehen machen, was Derek passiert ist.

Die Geschichte geht unter die Haut. Nicht etwa, weil sie die Tat in schrillen Farben ausmalt und die Leiden des Opfers in epischer Breite beklagt, sondern gerade weil sie das nicht tut. Sie wird manchmal schon fast distanziert erzählt, ein wenig so, als wollte das Opfer die Erinnerung an das grausame Verbrechen nicht mehr heran lassen.

Derek hat nicht kommen sehen, was ihm passieren würde. Er konnte es auch nicht. Niemand kann das … Der Täter ist kein offensichtlicher Psychopath, sondern eigentlich ein ganz netter Kerl. Ein Freund. Bis er eben keiner mehr ist.

Derek erlebt, was es heißt ein Opfer zu sein. Hilflos zu sein, nicht nur während ihn jemand festhält und niederdrückt, sondern auch in den Tagen und Wochen danach. Er weiß genau, was passieren würde, wenn er die Tat anzeigt oder auch nur öffentlich macht: Niemand wird ihm glauben. Wie ist es möglich, dass „so etwas“ einem kräftigen Mann passiert?
Und der angebliche Täter? Den kennt man doch! Der ist ein guter Kollege, ein Freund, ein anständiges Mitglied der Gesellschaft! Bestimmt ist Derek selber schuld! Schlimmer noch, er will jemandem etwas anhängen …

Jamie Fessenden zeigt gnadenlos auf, wie schwer es auch heute noch ist, einen sexuellen Missbrauch anzuzeigen und den Täter einer gerechten Bestrafung zuzuführen. Und wie sehr die Gesellschaft dazu neigt, Opfer zu stigmatisieren, statt ihnen zu helfen.

Dereks Geschichte ist so berührend, weil sie so realistisch ist. Sie kann jedem, egal ob Mann oder Frau, jederzeit passieren.

Missbraucht“ sollte man unbedingt lesen. Das Buch ist nicht einfach und man hat sehr oft einen dicken Kloß im Hals. Aber es macht auch ein wenig Hoffnung. Derek verliert zwar fast alles, aber er findet auch neue Freunde. Er findet Menschen, die ihn verstehen und jemanden, der sein Schicksal teilt. Er findet sogar wieder ein klein wenig Glück …

Natürlich ist das Buch kein Tatsachenbericht, sondern ein Roman, der sogar einen kleinen Schuss Romantik enthält. Der Autor hütet sich aber, versteckt in seiner Geschichte einen „Ratschlag“ zu geben oder den Leser in eine bestimmte Richtung zu drängen. Wenn man „Missbraucht“ gelesen hat, versteht man, wie schwierig das Leben nach einer Vergewaltigung ist und das es eben keine Regel gibt, wie man damit umgehen „muss“. Jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Mein Fazit: Das Buch hat mich ehrlich gesagt nicht gleich von der ersten Seite an gepackt, aber nach und nach unmerklich so tief in seinen Bann gezogen, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis ich wusste, wie die Geschichte endet. Ich bin mir sicher, dass ich nicht zu letzten Mal gelesen habe. Ich kann und will hier nicht sagen „toll“ oder „hat mit gut gefallen“, dazu ist das Thema zu schwierig und vor allen Dingen zu intensiv dargestellt. „Missbraucht“ ist mit Sicherheit kein Wohlfühl-Buch. Aber man sollte es unbedingt lesen. Wirklich!!! Von mir gibt es deutlich mehr als 5 Punkte und eine Leseempfehlung.

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Bildquelle: amazon

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