Mittwoch, 9. März 2016

"Raze - Bis zum Tod" von Tillie Cole

Unsterbliche Liebe, Gewalt und … ganz viele Zufälle

Raze kann sich an ein Leben vor seiner Zeit in dem “Gulag” genannten Untergrundgefängnis nicht erinnern. Er hat keinen Namen, keine Gefühle und keine Hoffnungen mehr. Schon von Kindesbeinen an wurde er mit brutaler Gewalt und Drogen zu einem brutalen Kämpfer gedrillt. Nur wer im Käfig seine Gegner erbarmungslos tötet, darf weiterleben. Als Raze bei einem Aufstand entkommen kann, treibt ihn ein einziger Gedanke an: Der Name, den er in die Wand seiner Zelle geritzt hat und der unbedingte Wille, sich an diesem Mann zu rächen.
Womit er niemals gerechnet hat, ist Kisa. Sie durchbricht die Mauer um sein Herz und seinen Verstand und weckt Gefühle in ihm, die die Schatten seiner Erinnerungen wecken. Dabei scheint sie zu seinem schlimmsten Feind zu gehören! Raze muss noch einmal in den Käfig steigen, doch diesmal kämpft er nicht nur um sein eigenes Leben.

Mit „Raze“ von Tillie Cole erhält man ein Buch eines im Amerikanischen verbreiten Genres, das man mit „Dunkle Erotik“ übersetzen kann. Wer den Klappentext gelesen hat, weiß, dass dies hier keine rosarote Romanze sein wird. Der Hinweis auf die „Untergrundkämpfe auf Leben und Tod“ bereiten außerdem darauf vor, dass Blut und Gewalt ein Teil des Buches sind. Nachdem ich es gelesen habe, ordne ich die geschilderten Sitten bei der russischen Mafia mal dem Bereich „Urban Fantasy“ zu, aber auch das ist nicht der Knackpunkt an der Geschichte. Wenn man ein Buch aus diesem Genre aufschlägt, weiß man, dass es keine Wohlfühlstory ist und man zum Lesen starke Nerven braucht.

Raze“ hat Zutaten, aus denen ein richtig gutes Buch werden könnte: Die Autorin kann schreiben. Sie präsentiert einen psychopatischen Bösewicht, der auch über Leichen geht, und einen zerrissenen, gequälten Helden, der sich nicht einmal an seinen Namen erinnert, sowie eine unsterbliche Liebe, die schon im Himmel geboren zu sein scheint. Das ist übrigens die praktische Erklärung für eine ganze Reihe von unglaublichen Zufällen, ohne die die Story schon nach den ersten Kapiteln unweigerlich zu Ende wäre. Dazu kommt dann aber bedauerlicherweise eine Heldin, die zwar hübsch, aber leider, leider so eindimensional ist, dass es beim Lesen schon fast wehtut.

Mehr darüber zu verraten, wird ein paar Spoiler enthalten, deshalb zuerst die Bewertung, dann die Details.

Um es noch einmal ausdrücklich zu sagen: Wer sich über die Mischung von Gewalt und Sex in einem Buch aufregt, ist bei „Raze“ sowieso an der falschen Adresse und sollte die Finger ohnehin von „Dunkler Erotik“ lassen. Aber selbst unter Berücksichtigung des Genres gefällt mir die Geschichte weniger, je länger ich darüber nachdenke.

Deshalb nur 2 Punkte und keine Leseempfehlung.

Übrigens: Es scheint noch mehr Geschichten um die Käfigkämpfer zu geben. Eine Chance werde ich Tilli Cole und ihren gequälten Helden noch geben. Hoffentlich finde ich beim nächsten Buch dann auch eine Heldin, die diesen Namen verdient.

Ab hier SPOILER möglich:

Die Idee von dem Untergrundkämpfer, der keine Erinnerung an seine Vergangenheit hat und immer wieder gezwungen ist zu töten, um zu überleben hat ihren Reiz. Raze ist ein klassischer „Tortured Hero“, dem man, außer seiner Fähigkeit zu kämpfen, alles genommen hat, sogar seinen Namen. Die Befürchtung, seine Nummer, die ja auch auf dem Cover deutlich zu sehen ist, hätte eine bestimmte Bedeutung, bewahrheitet sich übrigens nicht. Wahrscheinlich (hoffentlich!) weiß die Autorin nicht einmal, wofür dieser Zahlencode in gewissen Kreisen steht.

In Raze Charakter gibt es leider einen Bruch. Von frühester Kindheit an verbindet ihn eine Seelenverwandtschaft, die im Himmel geboren zu sein scheint, mit jemandem. Das wird immer wieder betont. Mir erscheint es bei diesem Hintergrund irgendwie unlogisch, dass an dem düsteren Ort, zu dem man ihn bringt, sein einziger Gedanke Rache ist, er aber die angeblich unsterbliche Liebe, die er empfunden hat, vergisst. Sucht er niemals Trost in seinen Erinnerungen solange er sie noch hat? Versucht er nicht verzweifelt, sie zu bewahren? Das ist fast so unglaublich, wie die Tatsache, dass er seine komplette Gefangenschaft in der gleichen Zelle verbringt. Oder ritzt er jedes Mal das Motiv, das ihn antreibt, zusammen mit dem Namen seines Feindes und dem Ort, an dem er ihn finden kann, von neuem in die Wand? Ist Hass in ihm so viel stärker als Liebe? Wieso schreibt er Kisa Namen nicht auch auf? Zufall? Oder ist das einfach nur praktisch für die Story? Hm …

Jedenfalls führt ihn sein Weg zurück nach Brooklyn. Dieser Stadtteil der Riesenmetropole New York muss deutlich kleiner sein, als man so denkt, schließlich läuft ihm fast direkt nach seine Ankunft Kisa (zufällig?) über den Weg und er darf / kann / muss sie prompt retten. Das könnte vielleicht aber auch an ihrer unsterblichen, leider im Moment unterdrückten Verbindung liegen, die Kisa anschließend dazu bringt, ihrem Retter nicht nur zu danken, sondern ihm gleich eine unglaublich hohe Geldsumme zu schenken, die (zufällig?) im Tresor ihres Arbeitgebers herumliegt und nicht vermisst wird. (Wer hätte gedacht, dass die russische Mafia so nachlässig in der Buchführung ist?).

Dass Raze‘ schlimmster Feind Alik nun (diesmal nicht zufällig!) Kisas Verlobter ist – ok, von irgendeinem Drama muss die Geschichte ja leben und Aliks Motiv sind für einen völlig gestörten Charakter sogar überraschend gut nachzuvollziehen. Sogar dass er als Sohn eines Mafiabosses und dessen designierter Nachfolger immer wieder in den Käfig steigt und dort Kämpfe austrägt, die bis zum Tod gehen, ist plausibel erklärt. Zufällig ist das derselbe „Sport“, den auch Raze betreibt. So ein Zufall aber auch!

Wer wirklich nicht nachvollziehbar handelt, ist Kisa. Nach dem Verlust ihrer großen Liebe lässt sie sich von Alik völlig vereinnahmen, misshandeln und immer wieder … nehmen? Sie wehrt sich nie, wenn er sich ihr aufzwingt und bleibt angeblich bei ihm, das sich so in der russischen Mafia gehört und weil sie „die Stimmen in seinem Kopf“ beruhigt. Immer wieder wird bis ins kleinste Detail geschildert, wie brutal Alik zu ihr im Bett ist und wie sehr sie das hasst.

Was soll das? Selbst im Genre „Dunkle Erotik“ sollte ein Funke Gefühl dabei sein. Vielleicht ist diese Abgestumpftheit aber das, was Kisa am Ende rettet. Eher zufällig (!) überlebt sie Aliks Totalausraster, nachdem er sie mit Raze beobachtet hat. Obwohl sie körperlich angeschlagen ist, scheint sie mental gut damit klar zu kommen. Das seelische Trauma wird nicht einmal mehr erwähnt, zu verarbeiten gibt es bei ihr anscheinend nichts.

Kisas Beziehung zu Raze könnte herzzerreißend sein. Doch die immer wieder beschworene „Seelenverwandtschaft“ ist einfach nur praktisch und lässt ihre Beziehung nach 12 Jahren mehr oder weniger einfach da wieder anfangen, wo sie aufgehört hat. Entwicklungen sind gar nicht nötig. Am meisten geärgert hat mich, dass Kisa für Raze am Ende genau das ist, was sie auch für Alik war. Es ist fast schon makaber, dass sie für die beiden Männer eine Art Kuscheldecke zu sein scheint, die die ach so starken Kämpfer benutzen, um besser schlafen zu können.

Kisa bleibt so eindimensional, weil sie sich nur über die Männer in ihrem Leben definiert, egal ob es ihr Vater ist oder ob es Alik und Raze sind.

Bei allem Verständnis für den gequälten Helden Raze, den ich wirklich mochte, hätte ich ihm nicht nur eine Kuscheldecke, sondern eine echte Partnerin gewünscht, die über Selbstachtung und Feuer verfügt.


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Raze - Bis zum Tod“ 

Bildquelle: amazon

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