Mittwoch, 7. September 2016

"Schüttel den Zuckerbaum" von Nick Wilgus

Zitat: „Der Rest war schmückendes Beiwerk“

Normalerweise beginne ich eine Rezi immer mit einer kurzen Zusammenfassung. Bei „Schüttel den Zuckerbaum“ von Nick Wilgus finde ich das extrem schwierig, weil eigentlich mehrere Geschichten parallel erzählt werden, die allerdings untrennbar zusammengehören. Das Buch ist unter „Liebesroman“ gelistet und enthält auch eine – nicht immer einfache - Romanze. Aber man findet darin genauso die wunderbare Schilderung der Liebe eines schwulen Vaters zu seinem kleinen Sohn und ein sehr authentisch anmutendes Sittengemälde vom tiefen Süden der USA.

Die Story hat mich mit ihrem eigentümlichen Charme von der ersten Seite an gefangen genommen. Sie ist in einer relativ einfachen Sprache geschrieben und hin und wieder erschließt sich eine Redewendung sogar erst aus dem Zusammenhang. Das trägt aber eher zum Lokalkolorit bei. Die Heimat von Wiley Cantrell scheint in mancher Beziehung noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein., ganz so als würde die träge Hitze der langen Sommertage selbst die Zeit lähmen.

Wiley kämpft als alleinerziehender Vater am Rande des Existenzminimums ums Überleben für sich und seinen Sohn Noah. Weil Wiley sich nicht anpassen will und offen schwul lebt, ist er vielen Anfeindungen ausgesetzt. Die werden ihm oft mitten ins Gesicht geschleudert und das auch noch von den Menschen, die ihn eigentlich unterstützen sollten: Von seiner eigenen Familie. Sein Freund Jackson, der aus dem toleranteren Norden stammt, ist oft fassungslos und kann nicht verstehen, wie sich Wiley so etwas gefallen lassen kann.

Ich fand die Schilderungen der Ansichten und des Verhaltens oft unheimlich bedrückend. Wiley dagegen scheint nicht anders von seinen Mitmenschen zu erwarten und lacht ihnen noch ins Gesicht. Dass es ihn trotzdem manchmal bis ins Mark trifft, merkt man allerdings an einigen der leiseren, traurigen Szenen.

Die Geschichte ist so faszinierend und interessant erzählt, dass man eine ganze Weile braucht um zu merken, was Nick Wilgus eigentlich macht: Er räumt den homophoben und bigotten Eiferern unheimlich viel „Redezeit“ ein und widerlegt den gesamten Quatsch, den sie von sich geben, nicht mit flammenden Widerworten, sondern mit wunderbar und liebevoll dargestellten Alltagsszenen. Wiley, der oft wie ein versponnener Träumer wirkt, weiß in Wirklichkeit ganz genau was er will und lebt danach. Statt nur zu quatschen, macht er einfach, auch wenn das manchmal schwierig ist. Seine Konsequenz bekommt auch Jackson mehr als einmal zu spüren …

Der heimliche Held des Buches ist übrigens Noah. Seine Behinderungen werden oft erwähnt, in Erinnerung bleibt aber seine Lebensfreude, sein unerschütterliches Vertrauen in eine bessere Zukunft und seine freundliche Offenheit.

Fazit: Worum es genau in dem Buch geht, und was nur „schmückendes Beiwerk“ ist (gegen Ende findet man es sogar wortwörtlich in dem Buch) könnte ich nun erzählen …
... mache ich aber natürlich nicht. Diese berührende, merkwürdige, ganz-anders-als-alle-anderen Geschichte sollte jeder für sich selbst entdecken. Von mir gibt es zufriedene 5 Punkte und eine Leseempfehlung, die von Herzen kommt.

Der Schluss ist übrigens fast schon ein wenig überzuckert. Aber die Story spielt im Süden. Da muss das wohl so sein und man denkt gerne und mit einem Lächeln auf den Lippen an Wiley, Noah und die andern zurück.

P.S.: Ich will mehr von Nick Wilbus lesen. Ehrlich.
Aber – und das Wort habe ich ganz dreist von Wiley geklaut – bitte beim nächsten Buch nicht so „schlunzig“ sein. In der Story fehlen Leerzeichen und einige Zeilenumbrüche, die in Dialogen dann für leichte Verwirrung sorgen. Die Geschichte ist Gott sei Dank so faszinierend, das man das verzeihen und damit leben kann.

„Alles gut!“, wie sie im Süden sagen …


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- "Schüttel den Zuckerbaum"

Weitere, ganz unterschiedliche Meinungen zu dem Buch findet man bei "Laberladen" (*klick*) und in "Sabrina's Welt der Bücher" (*klick*).

Bildquelle: amazon

Kommentare:

  1. Ich finde, Du hast die ganz spezielle Atmosphäre des Buches in Deiner Rezi wunderbar eingefangen!
    Es freut mich, dass wir uns in der Bewertung des Buches einig sind. Und vielen Dank für's Erwähnen.

    LG Gabi

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    1. *lach*
      Um ehrlich zu sein: Deine wunderschöne Rezi ist "schuld", dass ich mir das Buch genauer angeschaut habe. Nach den ersten paar Sätzen in der Leseprobe war mir klar: Haben wollen!!!!
      Also gebührt der "Dank" für das Lesevergnügen diesmal eindeutig dir.
      GLG Ulla

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    2. Oh, das freut mich jetzt aber sehr und ich werde ganz rot!

      LG Gabi

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